Robert B. Weide im Gespräch über "Woody Allen – A Documentary"

Beim Filmfestival von Cannes hatte ich im Mai 2012 die Gelegenheit, mit dem Dokumentarfilmer ROBERT B. WEIDE über seinen Film „Woody Allen  – A Documentary“ zu sprechen – eine Doku über Leben und Werk von Woody Allen, die zwar in ihrer Kinofassung nicht auf Vollständigkeit setzt (es existiert noch eine dreistündige TV-Fassung), aber einen amüsant-aufschlussreichen Einblick in Allens Arbeitsweise gibt – Weide erhielt Zutritt zu Allens Arbeitszimmer, in dem er auf einer Schreibmaschine seine Drehbücher tippt, und zu seinem Schlafzimmer, wo er im Nachtkästchen seine flink zu Papier gebrachten Filmideen verwahrt.

Matthias Greuling: Mr. Weide, wie konnten Sie Woody Allen davon überzeugen, das Subjekt Ihrer Doku zu werden?

Robert B. Weide: Ich wollte diese Doku schon sehr lange machen. Seit 25 Jahren versuche ich, Woody davon zu überzeugen, und das hatte nie etwas mit inhaltlichen oder gestalterischen Fragen zu tun, sondern in erster Linie mit seiner Einstellung, er sei es gar nicht wert, dass man eine Doku über ihn macht. Ich ging an das Projekt mit der Vorstellung, einen zweistündigen Film daraus zu machen. Doch dann bemerkte ich, dass das nicht einfach werden würde: Immerhin sprechen wir hier von einem Mann, der seit 43 Jahren Filme macht, davor schon zehn Jahre als Stand-up-Comedian arbeitete und noch dazu ein sehr kontroverses Privatleben hatte. Das Projekt uferte also aus. Der Film wurde ursprünglich für die „American Masters“-Serie gedreht, die in den USA im Fernsehen läuft. Diese Fassung ist dreieinhalb Stunden lang und wurde bereits ausgestrahlt. Doch die Produzenten des Films wollten unbedingt auch eine zweistündige Fassung für die Kinoauswertung haben. Ich habe also die Langfassung entsprechend gekürzt, das funktionierte, aber ich hätte niemals von vorne herein eine nur zweistündige Fassung machen können.
Matthias Greuling: Im Film sieht es danach aus, als hätte Allen Ihnen ziemlich freie Hand gelassen…

„Woody Allen – A Documentary“,
mit Regisseur Robert B. Weide
Foto: Polyfilm Verleih

Robert B. Weide: Woody war in den Entstehungsprozess überhaupt nicht eingebunden. Er wollte auch nicht. Er wollte meine Fragen vorab nicht sehen, hat mir keinerlei Einschränkungen auferlegt. Auch beim Schnitt, wenn ich einzelne Sequenzen fertig hatte, wollte Woody keinen Blick darauf werfen, weil er sagte, er halte es nicht aus, sich selbst zu sehen. Als ich ihm den fertigen Film zeigte, war er zufrieden. Nur bei einigen Stand-up-Witzen bat er mich, sie zu entfernen, denn er war niemals wirklich glücklich mit seinen Witzen. Alle fanden ihn großartig als Komiker, außer er selbst. Was Woody noch beanstandete, waren Szenen in Interviews, in denen ihn jemand ein Genie oder den größten Filmemacher aller Zeiten nannte. Das fand er zum Kotzen, das musste raus. Ich selbst fand das gut, denn mein Ziel war es nicht, eine Laudatio auf Woody Allen zu halten, sondern mit einem journalistischen Blick auf sein Leben und seine Karriere zu arbeiten. 

Matthias Greuling: Die turbulente Geschichte rund um seine Frau Soon-yi und Mia Farrow haben Sie nur am Rande gestreift. Wieso?

Robert B. Weide: Als Dokumentarfilmer mache ich natürlich einen Film über mein Thema, so wie ich es sehen will. Trotzdem gibt es nach über 20 Jahren noch immer ein großes Interesse an Woodys Geschichte mit Mia Farrow und Soon-yi. Woody hatte nichts dagegen, dass ich auch dazu etwas in den Film hinein nehme, aber das Thema ist nicht dominant, denn mich interessierte es ehrlich gesagt nicht. Ich war nie ein Fan dieser Celebrity-Kultur, Gossip interessiert mich nicht. Das Thema kommt also vor, aber ich wollte nicht, dass der Film plötzlich zu einem Gerichtssaaldrama wird.

Matthias Greuling: Sie haben es sogar bis in sein Schlafzimmer geschafft, wo er in seinem Nachtkästchen auf vielen chaotisch bekritzelten Zetteln seine Ideen aufbewahrt. Wie ist Ihnen das gelungen?

Robert B. Weide: Ich hatte Glück, dass mir Woody vollen Zugang gewährte. Er hat nie einen Drehwunsch von mir abgelehnt, deshalb war ich im Schlafzimmer, oder auch in seinem Arbeitszimmer. Was er schon versuchte, war, mir gewisse Dinge auszureden. Als ich ihm vorschlug, zu seinem Elternhaus in Brooklyn zu gehen, meinte er: „Wen kümmert es, wo ich gewohnt habe und wo ich auf der Strasse gespielt habe oder wo ich zur Schule gegangen bin?“ Aber die Leute, die seine Filme lieben, interessiert das. Genauso war das mit meinem Besuch am Set. Woody sagte: „Willst du mich wirklich bei der Arbeit filmen? Das ist langweilig, denn ich sitze nur rum, spreche kaum mit den Schauspielern, und dafür willst du den Flug buchen und Geld ausgeben?“ Aber natürlich ist jedes Material von den Dreharbeiten interessant. Denn es gibt kaum welches. Was sein Haus betrifft, hat mich Woodys Offenheit selbst überrascht. Er hat erzählt, wie er seitlich auf seinem Bett sitzt und aufgestützt auf seinen Ellenbogen all diese Ideen hinkritzelt. Dass er dann sein Nachtkästchen aufmacht und die Zettelchen herausholt, war gar nicht geplant. Er dachte, es würde mich interessieren. Als wir das gedreht hatten, dachte ich kurz darüber nach, mir einfach eine Handvoll Ideen zu schnappen, und zuhause daraus ein Drehbuch zu schreiben. (lacht)

Matthias Greuling: Woody Allen scheint in den USA weniger Erfolg zu haben als in Europa…

Robert B. Weide: Einer seiner größten Märkte ist Brasilien, ich weiß nicht warum. Aber generell sind Woodys Filme in Europa beliebter als in den USA. Ich habe gehört, dass manche seiner Filme allein in Paris mehr eingespielt haben, als in den gesamten Vereinigten Staaten.

Matthias Greuling: Immer wieder hat man Allen schon abgeschrieben, doch dann überraschte er mit starken Filmen. Was haben Sie über seinen Arbeitsrhythmus – ein Film pro Jahr – herausgefunden?

Robert B. Weide: Es gab viele Höhen und Tiefen in seiner Karriere. Ende der 90er Jahre hatten ihn die meisten Leute schon abgeschrieben, doch dann überraschte er alle mit „Matchpoint“. Dann sagte man, ok, offenbar ist Scarlett Johansson der Schlüssel. Sie ist seine neue Muse. Als er dann im Jahr darauf „Scoop“ drehte, enttäuschte er wieder viele, denn der Film floppte. Später drehte er „Vicky Cristina Barcelona“, was ihm erneut viel Applaus brachte. Danach wieder zwei Filme, die nicht so gut liefen, und schließlich mit „Midnight in Paris“ seinen bis dato größten Kassenerfolg. Woody Allen sagt, er lege die gleiche Sorgfalt in jedes seiner Projekte, aber nicht immer werden sie entsprechend angenommen. Er hat in 43 Jahren 43 Filme gemacht, und selbst wenn dabei nur jeder vierte gut geworden ist, macht das immerhin elf großartige Filme. Welche anderen Filmemacher können von sich behaupten, elf großartige Filme gemacht zu haben? Woody arbeitet nach folgendem Prinzip: Wenn er kontinuierlich jedes Jahr einen Film macht, wird dann und wann schon einer dabei sein, der ihm wirklich gelingt.

Matthias Greuling: Hat sich zu Woody durch die Dreharbeiten eine Art Freundschaft entwickelt?

Robert B. Weide: Nein, eher einfach eine Bekanntschaft. Wenn ich ihn treffe, dann plaudern wir ein bisschen, nichts Großartiges. Und wir haben denselben Anwalt. 

Matthias Greuling: Wie hat er auf die Doku reagiert?

Robert B. Weide: Ich habe mich gefreut, dass er die Doku mag, denn meine Filme sind wie Dankschreiben an die Leute, die sie porträtieren. Und gerade bei Woody ist das erstaunlich, weil er sich selbst auf der Leinwand gar nicht sehen mag. Sobald ein alter Comedy-Auftritt oder einer seiner Filme im Fernsehen läuft, schaltet er weg. Er hat mir einen Brief geschrieben, in dem er meinte: „Ich bin nun 76 Jahre alt, und du bist der erste, der meine menschliche Seite hervorbringt. Das haben über die Jahre nicht einmal meine Psychiater geschafft“.

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„Woody Allen – A Documentary“ (Trailer) startet am 13. Juli in den österreichischen Kinos. Fotos & Trailer: mit freundlicher Genehmigung von und (C) by Polyfilm Filmverleih 

 

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