Alain Delon: "Tragik ist Teil meiner Persönlichkeit" // Locarno 2012

Der Tag begann mit einer herben Enttäuschung: Alain Delon, 76, hatte alle bereits vereinbarten Interviews abgesagt. Der medienscheue französische Superstar, dem man in Locarno am Donnerstag Abend den Goldenen Leoparden für sein Lebenswerk überreicht hatte, ist schon zu lange weg vom Rampenlicht, um sich auf seine alten Tage nochmals einen Interview-Marathon anzutun, hieß es hinter vorgehaltener Hand.

Alain Delon bei der Pressekonferenz in Locarno (Fotos: © Matthias Greuling)
Ja, Delon. Der große, hübsche Mann, den halb Europa vergötterte, als er bei Visconti spielte, in „Rocco und seine Brüder“, oder als „Eiskalter Engel“ bei Melville; der an der Seite seiner großen Liebe Romy Schneider im südfranzösischen „Swimmingpool“ schwamm. Delon ist alt geworden, aber seine Strahlkraft ist ungebrochen. Adrett sein Auftreten im Jackett, sauber gescheitelt sein graues, noch immer dichtes Haar. Dementsprechend groß war das Medieninteresse bei der Pressekonferenz, der einzigen verbliebenen Möglichkeit, Delon zu lauschen.

Seine Nervosität war stark zu spüren. Delon, der öffentliche Auftritte in den letzten Jahren auf ein Minimum beschränkt hatte, war schon bei der Preisverleihung auf der Piazza Grande am Donnerstag Abend mit sieben Bodyguards angerückt, die ihn bestmöglich abschirmen sollten. Auch in der  überhitzten, schwülen Umgebung des Spazio Forum in Locarno, in dem die Pressekonferenz stattfand fühlte er sich sichtlich unwohl. Aber er spielte mit, machte ein paar Verlegenheitsscherze, beantwortete geduldig die Fragen.

„Das Kino von heute“, sagt Delon, „ist für mich völlig uninteressant. Das liegt daran, dass es kaum gute Stoffe gibt, oder gute Regisseure. Ein Regisseur muss drei Qualitäten mitbringen: Einmal muss er vor dem Dreh alle Szenen durchdenken können. Dann muss er es schaffen, während des Drehs die Schauspieler zu führen. Und schließlich muss er nach dem Dreh im Schneideraum den Film nochmals inszenieren. Die meisten heutigen Regisseure haben eines, maximal zwei dieser Talente. Ich hatte Glück, dass es zu meiner Zeit noch große Künstler gab“. Delon würde gerne wieder Filme drehen: „Gebt mir gute Rollen. Dann bin ich dabei“.

Erst spät in seiner Karriere gab sich Delon auch für spaßige Rollen her; etwa trat er als Julius Cäsar in der Realverfilmung „Asterix bei den Olympischen Spielen“ (2008) auf. „Ich habe die komischen Rollen aber lieber immer Jean-Paul Belmondo überlassen“, scherzte Delon in Locarno. „Wann immer Belmondo den Raum betrat, haben alle gelacht. Wann immer ich hereinkomme, bleibt es still. Es war also gut, dass ich nicht mehr Komödien gemacht habe“.

Überhaupt sei die Tragik schon immer Teil seines Lebens gewesen, meinte Delon. „Ich komme aus einfachen Verhältnissen, niemand aus meiner Familie war beim Film. Ich war mit 18 beim Militär, in Indochina. Es kann durchaus sein, dass die Tragik ein Element meiner Persönlichkeit ist“.

Nicht minder tragisch ist Delons ungebrochene Zuneigung zu seiner großen Liebe Romy Schneider (die er einst wegen einer anderen verlassen hatte). „Wenn man mich fragte, wen ich am meisten vermisse von all den Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, dann ist das Romy Schneider. Sie war eine fantastische Schauspielerin, sie war unglaublich“, sagt Delon. Es sind die letzten Worte seines Kurzauftrittes in Locarno. „Unser gemeinsamer Film ‚Der Swimmingpool‘ war wunderbar“, schließt Delon. „Aber ich schaffe es heute nicht mehr, ihn mir anzusehen“.

Das abgesagte Interview, das hatte man dem gerührten Delon da schon beinahe wieder verziehen.
-Matthias Greuling, Locarno

Hier noch unser Video-Mitschnitt von der Pressekonferenz mit Alain Delon:

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