Kotzen, Koksen, Koitus – Halbzeit beim Filmfestival in Locarno

In Locarno ist Halbzeit beim Festival, und vieles, was man hier bisher sehen konnte, widerspiegelt Festivalchef Olivier Pères Konzept von der spagathaften Auseinandersetzung mit Filmen. Da sind auf der einen Seite die künstlerisch hochwertigen Produktionen aus dem Wettbewerb, auf der anderen Seite die publikumsträchtigeren Arthaus-Filme, die auf der Piazza Grande laufen – wenn letztere auch wegen der heftigen Regengüsse der vergangenen Tage wohl viel weniger Zuschauer hatten als gewöhnlich. Doch ein Festival von Locarno ganz ohne verregnete Premieren wäre dann auch wieder ungewöhnlich, ja fast schon ungewohnt.

Und so traf es etwa die Piazza-Premiere von Christoph Schaubs Film „Nachtlärm“ mit Alexandra Maria Lara und Georg Friedrich. Ein Kind spielt hier die eigentliche Hauptrolle, ein Säugling, der nachts durchschreit und seine Eltern (Lara, Sebastian Blomberg) damit zur Verzweiflung treibt. Nur eine nächtliche Autobahnfahrt bringt ihn zum Schlafen. Der Regen auf der Piazza setzte sich auch im Film fort, denn auch dort sind die Straßen nass; bei einem Halt an einer Raststation wird das Auto der Eltern mitsamt Baby von einem Kleinganovenpaar gestohlen, eine wirre Verfolgungsjagd beginnt. Leider ist Schaubs gut erdachte Dramaturgie der Besetzung wegen zum Scheitern verurteilt; sowohl Lara (als Mutter) als auch die Newcomerin Carol Schuler (als Komplizin des „Entführers“ Georg Friedrich) stemmen ihre Dialoge nicht; sie wirken zuweilen künstlich, unnatürlich, bemüht. Die Männer tun sich da leichter, aber wie so oft im deutschsprachigen Kino geht hier die allgemeine Sprachverständlichkeit über alles – und sehr zu Lasten der Authentizität.



Walter Saabel und Philipp Hochmair brillieren in Tizza Covis und
Rainer Frimmels „Der Glanz des Tages“ (Foto: Festival Locarno)
Solche Probleme kennen Tizza Covi und Rainer Frimmel nicht. Ihr „Der Glanz des Tages“ ist Zeugnis dafür, dass von dramaturgischen Konventionen und gängiger TV-Dramaturgie verstellte Charaktere nicht sein müssen: Das Paar erzählt in seinem neuen Film von einem Schauspieler (Philipp Hochmair  als er selbst), in dessen von Textlernen und Theaterproben beherrschtes Leben plötzlich sein Onkel (herausragend: Walter Saabel) tritt, der ihm wieder so etwas wie Lebensnormalität vorzeigt. Das Aufeinandertreffen zweier Welten ist hier als wunderbar unprätentiöse Filmerzählung geglückt: Die Künstlichkeit in der Welt des Schauspielers, der in seinen Texten versinkt anstatt mit beiden Beinen im Leben zu stehen, wird durch die Anwesenheit seines bodenständigen Onkels, eines einstigen Zirkusartisten, konterkariert. Nicht jeder, der auf einer Bühne besteht, besteht auch im Leben. Es scheint sogar, wie dieser Film zeigt, die Ausnahme zu sein, dass ein Schauspieler ein wirkliches Leben führen kann. Wie schon in ihren Vorgängerfilmen „Babooska“ und „La Pivellina“ arbeiten Covi und Frimmel mit großer dokumentarischer Präzision, diesmal aber skizzieren sie in scheinbarer Beiläufigkeit und mit einer unglaublichen authentischen Kraft Lebensentwürfe zwischen Schein und Sein. „Der Glanz des Tages“ ist der bislang herausragendste Film dieses Festivals.

Der Wettbewerb hat abgesehen davon durchaus einige interessante Arbeiten zu bieten: Bradley Rust Grays „Jack and Diane” (im Wettbewerb) über zwei Teenager-Mädchen ist Horror-Romanze mit Werwolf-Symbolik und dramatische Passion in einem. Die Liebe, ein Monster? Hier scheinen sich nostalgische Jugendgefühle mit exzessiv beschriebener Liebes-Symptomatik zu konkurrieren – mit offenem Ausgang.

Zu Ende gebracht wird hingegen die krass anmutende, aber wahre Geschichte einer Fast-Food-Filialleiterin, die einen Anruf von der Polizei bekommt. Angeblich hätte eine ihrer Mitarbeiterinnen einen Kunden bestohlen. Die Stimme am Telefon befiehlt, die vermeintliche Diebin bis zum Eintreffen der Polizei festzuhalten – und verlangt immer dreistere Einschüchterungs-Spielchen durch wechselnde Bewacher im Hinterzimmer des Restaurants, darunter auch sexuelle Handlungen. „Compliance“ von Craig Zobel ist eine kleine, kammerspielartige Geschichte, die den Blick freigibt auf eine von Terror und Obrigkeitsdenken geprägte Nation: In den USA ist der öffentliche Umgang miteinander mit so vielen Regeln belegt, die das Infragestellen von Autoritäten scheinbar komplett verunmöglichen. Anders ist es nicht denkbar, dass jener falsche Polizist seine Terrorisierung via Telefon in über 70 Fällen durchführen hatte können, bis man ihn schnappte. „Compliance“ verdichtet filmisch eine Paranoia, die in den USA wohl weit verbreitet sein muss: Man will nur ja nichts falsch machen, in Krisensituationen richtig reagieren und den Anweisungen Folge leisten. Dabei werden auch moralische Grenzen aufgehoben; die Anweisungen des Polizisten am Telefon werden unhinterfragt ausgeführt. Ein Alltagshorror, den die USA ihren Bürgern im Zuge ihrer Terrorangst anerzogen haben und der dort mittlerweile tief verwurzelt scheint.

Auf der Piazza Grande sind derlei verstörende Umstände nicht zu sehen. Zwar geht es in Stéphane Brizés „Quelques heures de printemps“ um Sterbehilfe und Selbstbestimmung, jedoch ist das Drama (mit einem großartigen Vincent Lindon und einer noch großartigeren Hélène Vincent) in erster Linie eine von jahrelangem Schweigen geprägte Mutter-Sohn-Geschichte, verortet in einem sozial eher schwachen Milieu, in dem man üblicherweise keine zweiten Chancen für die Lebensfehler erhält. Der 48-jährige LWK-Fahrer Alain wird nach 18 Monaten wegen Drogenschmuggels aus der Haft entlassen und zieht, bis er wieder auf die Beine kommt, vorübergehend bei seiner krebskranken Mutter ein. Die hat sich dazu entschlossen, den Zeitpunkt ihres Todes selbst zu wählen und will Sterbehilfe in der Schweiz in Anspruch nehmen. Während Mutter und Sohn über allerlei Kleinkram in Streit geraten, ist das moralisch heikle Thema des begleiteten Selbstmordes selbst nie ein Grund für die beiden, sich darüber zu zerwerfen. Der Tod als kontrollierter, selbst gewählter Endpunkt eines am Ende doch verpfuschten Daseins, das ist das Ziel dieser Figuren, die vielleicht noch niemals zuvor wirklich die Kontrolle über ihr Leben hatten. Ein wunderbar gespieltes Drama.

Mit „Ruby Sparks“ hat man auf der Piazza einen weiteren leichtfüßigen Film aus der Reihe „Fox produziert Independent-Rom-Coms“ aufgeführt; ein an einer Schreibblockade leidender Schriftsteller (Paul Dano) schreibt sich seine Traumfrau einfach selbst und steht unter Schock, als sie plötzlich lebendig wird und mit ihm Spaghetti kocht. Die quirlige Zoe Kazan hat das Drehbuch verfasst und spielt auch die lebendig gewordene Phantasie-Frau. Das Ganze ist nett, aber nie umwerfend komisch, ist mal heiter, mal traurig, aber niemals fühlt man mit den Protagonisten.

Ebenso wenig gelungen ist die britische Komödie „Sightseers“ von Ben Wheatley, die von einem frisch verliebten Paar auf einer Wohnwagen-Reise durch die Provinz erzählt. Tinas neuer Lover Chris scheint ein naturverliebtes Urviech zu sein, der mit ungeliebten Mitmenschen wenig zimperlich umgeht und sie überfährt oder mit dem Stein totschlägt. Die Komödie legt großen Wert auf einen britischen Humor, der zwischen Anarchie und Understatement angesiedelt ist; gegen Mitte des Films scheinen Wheatley aber leider die Ideen auszugehen. 



Dreimäderlhaus als US-Independent-Quatsch: „Bachelorette“
von Leslye Headland (Foto: Festival Locarno)
Bisheriger Tiefpunkt in Locarno ist die US-Independent-Produktion „Bachelorette“ von Leslye Headland. Ein Film, der wahnsinnig hysterische Frauen in einer von ihnen als wahnsinnig hysterisch wahrgenommenen Welt zeigt, die beschränkter kaum sein könnte: Hier, vor dem Hintergrund einer bevorstehenden Hochzeit und zweier Junggesellen-Abschiede, zirkelt alles nur um Äußerlichkeiten. Die drei Hauptfiguren – Frauen um die 30 und allesamt Single – tingeln von einem Bett ins nächste und haben mit dem Kotzen genauso wenig Probleme wie mit dem übermäßigen Koksen. Auch, wenn „Bachelorette“ als seicht-frivole Komödie daherkommt, so ist der Film doch auch besessen darauf erpicht, über das Gemüt einer ganzen Generation junger, frustrierter Frauen zu sprechen, in deren Lebensverständnis einiges dramatisch schief gelaufen ist. Ihre Gedankenwelt steckt fest zwischen Magersucht und Hochzeitskleid, Random Casual Sex und Schwanzwitzen. Kotzen, Koksen, Koitus – die traurige De-Emanzipation eines Geschlechts. Arm ist, wer über dieses Gedankenmodell nicht hinauskommt.

-Matthias Greuling, Locarno

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