Ridley Scotts "Prometheus": Im Zustand unwohler Erregung

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Ridley Scott hat das Science-Fiction-Genre für „Prometheus“ nicht neu erfunden. Er hat sich, was die filmische Ausgestaltung betrifft, bei vielen anderen Inspirationsquellen bedient, manchmal sogar bei sich selbst, denn schließlich ist Scott der Schöpfer von „Alien“ und „Blade Runner“, zwei Meilensteinen des Genres. Bemerkenswert an „Prometheus“ aber ist, dass Scott einen durchaus neuen Zugang zu seiner Geschichte wählt. Bei ihm stehen die Figuren im Mittelpunkt, nicht die Effekte. Er hat sie liebevoll erfunden, ihnen Eigenschaften (oder Eigenheiten) gegeben, die sie zu erinnerungswürdigen Charakteren machen, anstatt zu seelenlosen Menschen, die in einem üppigen Dekor gegen irgendwen aus dem All kämpfen.  Die Qualität von „Prometheus“ liegt in dieser Figurenzeichnung, und auch darin, dass Scott eine glückliche Hand bei der Besetzung der Rollen bewiesen hat.



Michael Fassbender als Roboter in Ridley Scotts „Prometheus“
(Foto: Fox)



Da gibt es zum Beispiel die Forscherin Elizabeth Shaw, für die die herrlich unprätentiöse Noomi Rapace eine Idealbesetzung ist. Shaw ist an Bord des titelgebenden Raumschiffs (benannt nach dem Titan Prometheus, der den Menschen das Feuer brachte), aber nicht auf einer staatlichen Mission ins All, sondern auf einer von der Privatwirtschaft finanzierten. Die Firma Weyland Industries möchte die Ursprünge der Menschheit erforschen, und dafür benötigt sie die Hilfe von erfahrenen Wissenschaftlern. Shaw ist aber nicht allein den Fakten verpflichtet. Um ihren Hals baumelt ein Kreuz, sie ist tief gläubig, was den Widerspruch zwischen Wissenschaft und Glauben in den Film trägt. Ein Widerspruch, der das Leben vieler Menschen beeinflusst.
Ihr Freund Charlie Holloway (Logan Marshall-Green) wird später auf dem Planeten LV-223 an einer Infektion sterben, hat diese zuvor aber noch beim Sex an Shaw übertragen. In Shaw wächst ein Alien heran, das sie schnellstmöglich loswerden muss. Body Horror in Reinkultur.
Drahtzieher all dieser Vorkommnisse ist nicht etwa Meredith Vickers (Charlize Theron), die Chefin der Expedition und Repräsentantin von Weyland Industries, die mit gestrengen Augen alle Crewmitglieder überwacht und den Zweck der Reise vorantreibt. Es ist ein Roboter namens David (Michael Fassbender), entwickelt, um einem Menschen zum Verwechseln ähnlich zu sein, jedoch mit Fähigkeiten ausgestattet, die die menschlichen Qualitäten bei weitem übertreffen. Nur Seele hat er keine, und das wird ihn im Verlauf des Films ziemlich ärgern.
David ist es, der den jahrelangen Flug des Raumschiffs zu LV-223 und die in künstlichen Tiefschlaf versetzte Besatzung wie ein Hausmeister bewacht. Später, wenn die gelandete Truppe auf dem Planeten in den monströsen, kuppelartigen Bau einer seltsamen Spezies vordringt, wird David vom Raumschiff Kontakt mit ihr halten, und dann irgendwann auch eine Eigenschaft entwickeln, die bei seinen Machern, den Menschen, weit verbreitet ist: Neid, Missgunst, Intrige.
Die Expedition ins Innere des seltsamen Baus verläuft alles andere als glatt. Zwei Crewmitglieder gehen verloren; ein Sandsturm zieht auf, und zwingt den Rest der Crew zur Rückkehr ins Raumschiff, nachdem man einen tempelartigen Raum entdeckt hat, in dem tausende scheinbar steinerne Säulen eine seltsam schleimige Flüssigkeit absondern.



Auf der Flucht vor inneren und äußeren Feinden: Noomi Rapace will das Alien aus ihrem Körper vertreiben. (Foto: Fox)



Man darf von „Prometheus“ nicht zu viel verraten, denn sonst bringt man den Zuseher ums Vergnügen. Ridley Scott hat seine Welt mit großer Detailverliebtheit erschaffen; er hat tolle Ideen für den Spannungsbogen gefunden, die auch mit den Urängsten der Menschen spielen. Von Infektionen ist da die Rede, von schlangenartigen Wesen, die den Fremden von der Erde nicht gerade freundlich gesinnt sind. Und auch die Entdeckung, die die Crew am Ende macht, ist faszinierend, wenngleich sie von einem genretypischen Showdown überlagert wird.
Man muss „Prometheus“ durchaus als eigenständigen Film sehen, der zwar voller Referenzen an „Alien“ steckt und sich am Ende auch den Spaß erlaubt, theoretisch doch noch als Prequel zur „Alien“-Saga gelten zu können. Aber auch die, die „Alien“ nie gesehen haben, können mit der kompakten Inszenierung Scotts die Tür zu einem neuen, bemerkenswerten Sci-Fi-Universum aufstoßen, innerhalb dessen es ungeahnte Fortsetzungsmöglichkeiten gibt.



Unterwegs zu einer gefährlichen Mission: Ridley Scotts „Prometheus“
wirft ein neues Licht auf ein ausgelutschtes Genre (Foto: Fox)
„Prometheus“ ist kein revolutionärer Beitrag zum Sci-Fi-Genre, und ebenso wenig funktioniert er als Psychogramm der menschlichen Existenz. Aber der Film illustriert das dritte newtonsche Axiom, das Prinzip von actio et reactio, von Aktion und gleichzeitig stattfindender Gegenreaktion, die auf den Verursacher der Aktion zurückwirkt. Innerhalb von Scotts Geschichte werden verschiedene Entscheidungen direkte Reaktionen hervorrufen, die für den weiteren Verlauf prägend sind. Das ist zwar in den meisten Drehbuchkonstrukten so und beruht auf dramaturgischen Überlegungen, dennoch streicht Scott dieses Prinzip gerade hier, im Weltraum-Setting, besonders heraus. Innerhalb der kleinen Gruppe von Menschen auf dem Planeten LV-223 wirken ähnliche Kräfte, wie sie auch im Großen zwischen den Welten herrschen: Dort sorgen Naturkräfte wie die Gravitation für das Gleichgewicht, und wehe, sie geraten ins Wanken. Die Katastrophe ist vorprogrammiert, und „Prometheus“ funktioniert stark über dieses Vorahnungs-Prinzip. Was da wohl noch kommen mag? Scott hat das Genre nicht neu erfunden. Aber er hat es mit „Prometheus“ ein Stück weit gedehnt: Es ist ein schlatzig-schleimiger Horrorfilm geworden, der von der Herkunft der Menschheit phantasiert, und seine Zuschauer dabei in einen Zustand unwohler Erregung versetzt. Das hat schon lange kein Science-Fiction-Film geschafft.

Wertung: TOP

Prometheus
USA 2012. Regie: Ridley Scott. Mit Noomi Rapace, Michael Fassbender, Guy Pearce, Idris Elba, Logan Marshall-Green, Charlize Theron
Kinostart in Österreich: 10. 08. 2012

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