Interview: Fernando Meirelles über "360"

Matthias Greuling im Gespräch mit Fernando Meirelles über seinen Film „360“, seine auch in Wien gedrehte lose Adaption von Schnitzlers „Reigen“ (Kinostart: 24.8.)

Fernando Meirelles und Matthias Greuling nach dem
Interview in Wien

Matthias Greuling: Herr Meirelles, inwieweit ist „360“ nun doch eine Auseinandersetzung mit dem „Reigen“, obwohl Sie mehrfach betonten, der Film habe nichts mit Schnitzler zu tun?
Fernando Meirelles: „360“ erzählt insgesamt neun miteinander verbundene Geschichten, die uns aufzeigen, wie sehr die Welt miteinander zusammenhängt. Ich wollte zeigen, wie sehr jede unserer Handlungen Konsequenzen für andere haben kann. Die Geschichte beginnt in Wien, geht weiter nach London, nach Phoenix in die USA und so weiter, um am Ende wieder in Wien zu landen. Peter Morgan hat für sein Drehbuch ein paar Anleihen bei Schnitzler genommen, die filmische Struktur haben wir an Max Ophüls‘ „La Ronde“ orientiert. Es ist ein Kreis, der sich am Ende schließt. Der Film startet in Wien mit der Geschichte einer Prostituierten. Aber sonst gibt es kaum Parallelen. Vor ein paar Jahren noch hätte man eine Geschichte, die sich im Kreis dreht, ohne weiteres drehen können, doch heute ist das Publikum so schnell und würde nach der dritten Geschichte sofort begreifen, wohin die Reise geht. Deshalb war es mir wichtig, den Kreislauf zu durchbrechen und manchmal eine andere Richtung einzuschlagen, damit man als Zuschauer nicht vorhersehen kann, wohin es geht. 
In einigen ihrer Filme wenden Sie dieses Rezept an, dieses nonlineare, verschachtelte Erzählen. Wieso?
Ich mag Filme, die eine Textur haben, anstatt bloß eine lineare Geschichte zu erzählen. Ich liebe zum Beispiel die Filme von Robert Altman, der tolle Filme gemacht hat, die sich nicht allein um die Figuren, sondern um große Themen gedreht haben. Er hat schon impressionistisch, wie er arbeitete. Anstatt nur einer Figur zu folgen, hat er oft mehrere Geschichten parallel entwickelt. Ich liebe das. Deshalb habe ich in meinen Filmen, angefangen bei „City of God“, immer diese Vielfalt an Handlungssträngen und Charakteren.

Macht Ihnen das Spaß, weil sie gerne Generelles über Themen wie in diesem Fall die Liebe sagen?
Wenn man über Generelles erzählt, hilft es, eine Vielzahl an Charakteren zu haben, denn dadurch kann man als Erzähler viel mehr Facetten zu dem Thema beschreiben. Wenn ich einen Film über die Polizei mache, dann will ich darin zugleich auch die Seite des Bösewichts abbilden. Denn mich interessiert auch, was er denkt. Ich will immer das ganze Bild sehen.
Das Problem ist: Man hat dabei vor lauter Figuren oft gar keine Zeit, die einzelnen Charaktere genügend zu entwickeln. Dieses Problem hatte ich auch bei der Arbeit an „360“. Ich habe für manche Figuren nur sieben oder acht Minuten Zeit, um sie zu zeigen, bevor sie wieder verschwinden.
Jude Law und Rachel Weisz mit Eheproblemen (Foto: Filmladen)
Inwieweit ist „360“ auch ein Statement über die Finanzkrise und die weltweit zusammenhängenden Märkte?
Für Morgan war das die Grundidee – er wollte von der Bankenkrise erzählen, aber dann dachte er, das wäre zu gewöhnlich. Er entschied sich, im Prinzip das gleiche zu erzählen, aber eben auf einer sehr viel intimeren Ebene. Es geht um persönliche Geschichten, um Liebe und Lust, um Leidenschaften und Konflikte.
Sie zeigen sehr viele Menschen, die an der Kippe zu einer Entscheidung stehen, die ihr Leben für immer verändern wird. Sie haben vor, ihren Partner zu betrügen, und denken vorher nicht an die Konsequenzen. Können Menschen denn wirklich nicht gut sein?
Das ist eine sehr alte Diskussion. Können wir uns erlauben, einfach das zu tun, was uns gefällt? Können wir die Liebe leben, so wie wir sie gerade empfinden? Oder müssen wir lernen, unsere Gefühle zu unterdrücken? Darüber haben sich schon Marcuse oder Freud den Kopf zerbrochen. Die Annahme war: Wenn man seine Gefühle nicht unterdrückt, ist es unmöglich eine Familie zu gründen oder eine Gesellschaft zu formen. Wer seine Familie behalten will, muss demnach seine Instinkte unterdrücken. Das gilt auch auf einer größeren Ebene. Dieser Film dreht sich auch um diese Frage. Sollen wir unsere Gefühle immer unterdrücken. 1968 hat die Menschheit entschieden, dass wir die freie Liebe leben sollen. Das ist ein netter Gedanke gewesen, aber er hat nicht funktioniert. Es gab wenige funktionierende Familien, und die Gesellschaft wurde immer desorganisierter. Die Frage ist wahrscheinlich, die richtige Dosis zu finden, mit der man seine Instinkte unterdrückt.
Die einzelnen Geschichten, die Sie erzählen, haben nur kurz Zeit, sich dem Zuschauer zu erklären.

Anthony Hopkins, richtungslos (Foto: Filmladen)
All die Geschichten könnten jeweils einen eigenen Film ergeben. Ben Foster zum Beispiel, der als Sexualstraftäter entlassen wird, aber noch immer mit seinen Gefühlen kämpft, lernt eine Frau kennen, die dann beinahe ihn „vergewaltigt“, ohne zu wissen, dass sie einen Vergewaltiger kennen gelernt hat. In Foster regt sich Widerstand, weil er gegen sich selbst ankämpft. Er ist sein eigener Antagonist. Was ich nicht wollte, ist, dass „360“ wie eine Sammlung von Kurzfilmen wirkt. Daher überlegte ich mir interessante Übergänge, manchmal im Bild, manchmal auf der Musikebene. Denn das war das größte Problem des Drehbuchs: Dass die Übergänge organisch wirkten. Das andere Problem war, dass die einzelnen Geschichten zu kurz waren. Was dem Leben widerspricht, denn da gibt es kein Ende, denn das Leben geht immer weiter. Wenn wir am Ende von „360“ also unseren Kreis schließen, öffnet sich zugleich schon der nächste Kreis, denn so ist das Leben. Ich habe deshalb mit einem solch hochkarätigen Cast zusammengearbeitet, weil es dem Publikum leichter fällt, in die Geschichten einzutauchen, wenn sie die Personen, die spielen, bereits gut kennen. Das war eine Strategie.
Wie ist die derzeitige Situation für Filmemacher in Ihrer Heimat Brasilien?
In Brasilien haben wir seit ein paar Jahren ein Gesetz, das es Firmen oder Privatpersonen erlaubt, eine gewissen Prozentsatz der Einkommenssteuer direkt in Filme zu investieren anstatt an den Staat abzuführen. Dadurch haben wir relativ viel Geld, um Filme herzustellen. Im Vorjahr waren es 105 Spielfilme in Brasilien, die Industrie boomt. Jetzt müssen wir das Verleiher-Problem lösen, weil viele dieser Filme nicht in die Kinos kommen, sondern direkt auf Video erschienen.
Sie drehen meistens internationale Produktionen. Wollen Sie nicht mehr zurück nach Brasilien?
Doch, ich bevorzuge es sogar, in Brasilien zu arbeiten. Zuallererst wegen der Sprache, denn in der eigenen Sprache zu arbeiten, ist viel besser als etwa in Englisch. Ich spreche und ich fühle portugiesisch, aber das Problem ist, dass ich einen portugiesisch gedrehten Film nur in Portugal und Brasilien auswerten kann – der Film bekommt also nur ein kleines Budget. Es ist daher für mich einfacher, international zu arbeiten.
Interview: Matthias Greuling
Das Interview als Video (Auszüge)
360
GB/Ö/F/BRA 2011. Regie: Fernando Meirelles. Mit Anthony Hopkins, Rachel Weisz, Jude Law, Ben Foster, Moritz Bleibtreu, Jamel Debbouze, Marianne Jean-Baptiste, Dinara Drukarova
Ab 24.8. im Kino
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