"The Iceman": Nicht Held, nicht Unmensch

Um neun Uhr morgens hat man uns in Venedig heute einen brutalen Killer-Thriller gezeigt: „The Iceman“ von Ariel Vromen handelt von Richie Kuklinski, einem Auftragskiller, der lange Jahre ein Doppelleben führte: Für die Mafia tötete er über 100 Menschen, während er daheim den liebenden Familienvater spielte. Diese wahre Geschichte ist Grundlage für den Film, der mit Michael Shannon in der Rolle von Kuklinski, Winona Ryder als seine nichtsahnende Ehefrau und Ray Liotta als Mafioso prominent besetzt ist.

Natürlich sind morgendlich konsumierte brutale Filmmorde nicht jedem Magen zuzumuten, und Vromen legt sich auch ordentlich ins Zeug, um den Killer in all seiner Kaltblütigkeit in einem kühl-distanzierten 70er-Jahre-Dekor abzubilden; die Hauptarbeit der an sich überaus konventionellen Inszenierung leistet dabei aber Michael Shannon – in punkto gespielter Härte hat er damit eine Glanzleistung gebracht.
Kalt, kälter, Michael Shannon: Als „The Iceman“ ist er der brutalste Auftragskiller
weit und breit. Foto: La Biennale di Venezia
Dass „The Iceman“ die im Kino gar nicht mehr so übliche Perspektive eines fiesen, real existierenden Killers einnimmt, der ein ambivalentes Dasein zwischen Brutalität und Familienleben führt, ist vielleicht der Unique Selling Point dieser Geschichte; ist jemand, wenn er böse ist, dann wirklich ausschließlich böse? Natürlich nicht, und das zeigt „The Iceman“ deutlich. Einen Helden hat Vromen aus Kuklinski nicht gemacht, aber auch keinen Unmenschen. Trotzdem bleibt das Innenleben dieser Figur rätselhaft, denn niemals zeigt „The Iceman“, wie der Killer wirklich tickt. Das wäre famos gegen das erklärungswütige US-Kino gerichtet, hätte Vromen diese Machart durchgehalten. Eine ausführliche Biografie mit dem gängigen Herleitungsmuster für derlei Straftaten lieferte das Drehbuch mit, schaffte es aber zum Glück nicht in den Film. Denn dann würde er ja in die Falle gängiger Hollywood-Dramaturgien tappen, die das Verhalten eines Täters zumeist watscheneinfach auf eine verhunzte Kindheit reduziert. Ganz lassen konnte Vromen diese Anspielung auf die missratene Jugend Kuklinskis dann aber doch nicht. Sehr ärgerlich.
Dann schon lieber nichts wissen, dem Killer bei seinem als normalen Job verstandenen Tun zusehen und sich an der Unfassbarkeit seiner Taten reiben. Am Ende präsentiert Vromen im Abspann eine Tafel mit einem Foto des echten Killers, versehen mit seinen Lebensdaten. Das wirkt befremdlich, so, als wolle er Kuklinski auf ein Podest hieven.
Und im Gegensatz zu den beiden Filmen, die als Referenz auf der Hand liegen, Martin Scorseses „Goodfellas“ (ebenfalls mit Liotta) und Andrew Dominiks „Killing Them Softly“, fehlen hier einerseits Charaktertiefe und andererseits der schwarze Humor.
„The Iceman“, der hier außer Konkurrenz lief, wird trotz der überzeugenden Besetzung wohl keine große Kinokarriere hinlegen. Es ist einer dieser Filme, die schon aufgrund ihres Themas keine Publikumsmagneten werden können, die zwar mit wenig Budget auf „independent“ machen, zugleich aber nicht genug künstlerische Qualität bieten, um Form oder Genre zu bereichern. „Filme wie ‚The Iceman‘ sind schwer zu finanzieren, werden heute daher kaum mehr gedreht“, sagte Regisseur Ariel Vromen in Venedig. Er hat recht damit. Denn ohne einen neuen Standpunkt oder ohne die Kreation einer nachhaltig verstörenden Filmfigur sind sie überflüssig. Oder anders gesagt: Ein Fall fürs DVD-Regal.
Matthias Greuling, Venedig
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