Jesus ein Dildo? "Paradies: Glaube" von Ulrich Seidl in Venedig

Am Anfang steht die Selbstgeißelung, am Ende hat die Person die Rute, mit der sie sich selbst auspeitscht, gegen jemand anderen gerichtet. Dazwischen wird gebetet und gekämpft, begehrt und bekehrt, in Versuchung geführt und gefoltert. Nachdem „Paradies: Liebe“ bereits in Cannes aufgeführt wurde, hatte Ulrich Seidls „Paradies: Glaube“, der zweite Teil dieser Trilogie, nun beim Filmfestival von Venedig Premiere. Es gibt kaum einen passenderen Ort als das katholische Italien, um über Religion und ihre komplexen Auswirkungen auf unseren Alltag zu sprechen.


Maria Hofstätter als Anna Maria in „Paradies: Glaube“ (Foto: Stadtkino)
Eine Frau, sie heißt Anna Maria (Maria Hofstätter), will die Sünde von der Erde nehmen und wandert mit ihren hölzernen Madonnenstatuen von Haustür zu Haustür, um die Gottlosen dahinter zur Umkehr zu bringen. Sie tut dies mit Nachdruck; aber sie hat kaum Erfolg. Niemand von all jenen, die Seidl hier mit seiner Kamera besucht, hält viel von der katholischen Lehre, nicht das in wilder Ehe lebende, ältere Paar, nicht die junge Russin, die ihren Gott im Alkohol gefunden hat. Auch nicht der Messie in seiner Unordnung,  der nur mehr am Totenbett der Mutter Platz für die Wandermadonna hat und nicht einmal das Vater Unser auswendig kann.
Die eigentliche Erzählung in „Paradies: Glaube“  findet aber  im Eigenheim der Predigerin statt; dort lebt sie allein, bis ihr lange Zeit verschwundener Ehemann, ein Muslim aus Ägypten (Nabil Saleh), plötzlich wieder auftaucht. Er sitzt im Rollstuhl, ist auf ihre Hilfe angewiesen, und bald schon wird Anna Maria, die sich erst nach seinem Verschwinden ihrer Liebe zu Jesus hingab, einen regelrechten Kleinkrieg gegen ihren Mann führen. Er will ihre Zuneigung, sie will in Keuschheit leben, allerhöchstens nur mehr Gott selbst an ihr Fleisch lassen. Interessant, wie Seidl den Muslimen hier als durchaus gemäßigt zeichnet, während seine fanatische Ehefrau den katholischen Glauben als radikal-fundamentale Lebensaufgabe begreift.
Seidl verhandelt hier die Rangelei zweier großer Weltreligionen anhand ihrer kleinsten denkbaren Einheit: Die Familie ist in allen Religionen heilig, und „in allen Religionen hättest du die Pflicht, als Ehefrau abzuwaschen und zu putzen“, sagt ihr der erzürnte Ehemann. Später beschimpft er sie als Hure, „eine Hure, wie alle in Österreich“. Der Muslim wird vom Rollstuhl aus all ihre in jedem Raum montierten Kreuze von den Wänden schlagen und auch das Foto von Papst Benedikt XVI. in der Küche. Sie wird ihm dafür den Rollstuhl verstecken und  ihren Herrn anrufen: „Warum strafst du mich so?“
„Wir sind treu bis in den Tod“ (Foto: La Biennale di Venezia)
Dazwischen blitzt immer wieder auch Fanatismus auf. In der Bibelrunde skandiert Anna Maria mit anderen Gläubigen „Wir sind die Sturmtruppe des Glaubens“ und „Wir sind treu bis in den Tod. Wir schwören, dass Österreich wieder katholisch wird“.
Man kann „Paradies: Glaube“  als Provokation auffassen, als ein Ausspielen der Religionen gegeneinander, als eine gewitzt-einfallsreiche Sadisten-Beziehung voller (Selbst-)Folter, die ihre Methoden unter dem Deckmantel des Glaubens legitimiert. Aber das wäre nur die Oberfläche. Denn darunter liegt, wie so oft bei Seidl, nicht bloße Provokation, sondern ein ganzer Fragenkatalog, den er stellen will. Es wäre zu einfach, den Film als provokantes, aber simples Pamphlet für die Fragen unserer Zeit abzutun; dafür zeigen seine Figuren zu viele Ambivalenzen in ihrem Verhältnis zueinander, und in ihrem Verhältnis zu Gott. Nein, hier sind es Verzweiflungstäter, die zwischen Gottvertrauen und Lebenslust hin- und hergerissen scheinen und die zur Stillung ihrer natürlichen Triebe gerne auch mal mit Jesus am Kreuze zu Bett gehen und sich damit selbstbefriedigen. Wenig überraschend orteten nach der Pressevorstellung einige italienische Medien aufgrund dieser Szene bereits einen handfesten Skandal.
Stilistisch arbeitet Seidl noch intensiver als in „Paradies: Liebe“ mit der von ihm so geliebten Cadrage, in der er seine Figuren zentriert anordnet. Aber wie auch in „Liebe“ ist der ursprünglich als Einteiler angelegte Episodenfilm, den Seidl auf drei Filme ausbreitet, voller  repetitiver Elemente, langatmig fast, wenig effizient in seiner Erzählstruktur. Bei „Glaube“ erscheint dies aber als nachvollziehbares Stilmittel, denn auch die Predigt des immer gleichen Gottglaubens kennt die Elemente der penetranten Wiederholung. Die visuelle Form von „Paradies: Glaube“ illustriert damit perfekt die von Anna Maria leidenschaftlich gelebte Askese, die sich in der quälenden Langsamkeit des Films manifestiert.
Seidl hat mit „Paradies:Glaube“ aber auch eine sehr persönliche Geschichte erzählt: „Ich bin stark katholisch geprägt, entstamme einem sehr religiösen Elternhaus, habe christliche Internatsschulen besucht. Aber in meiner Jugend habe ich rebelliert gegen die Autorität, die Verlogenheit, die Scheinmoral der Kirche“. Eine Abrechnung mit dem katholischen Glauben ist der Film dennoch nicht geworden. Seidl:  „Wir leben in einer Gesellschaft, die über Jahrhunderte katholisch geprägt war. Ich trage die urchristlichen Werte in mir. Davon kann man kann sich nicht lösen.“  
Matthias Greuling, Venedig
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