Michael Hanekes LIEBE / AMOUR: Liebe, Tod und Unbehagen

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Es gibt einen einzigen Moment in Michael Hanekes neuem Film „Liebe“, da wird der greise Ehemann seiner bettlägerigen Frau ins Gesicht schlagen. Da wendet er Gewalt an, weil er die Geduld verliert, für einen kurzen Augenblick. Zuvor hat sie einen Schlaganfall erlitten, zunächst einen, der ihr Sprachzentrum verschont hat, dann einen zweiten, der sie nahezu kommunikationsunfähig macht. Sie kann nicht mehr ausdrücken, was sie möchte, und ihr Mann bringt in dieser Szene die nötige Geduld nicht mehr auf, mit der er ihr bisher standfest durch diese Tragödie geholfen hat.

Ein alterndes Ehepaar und seine letzten gemeinsamen Wochen, vor dem Hintergrund einer bürgerlichen Vergangenheit in Paris. Die beiden waren Musiklehrer, und die Liebe zur Musik ist auch im Alter ihr Lebensmotor geblieben. Ihre Tochter (Isabelle Huppert) ist in ihre Fußstapfen getreten, und der körperliche Verfall der Mutter macht ihr schwer zu schaffen. Doch sie in ein Heim abzuschieben, das würde ihr Vater niemals zulassen.
Jean-Louis Trintignant in Hanekes
„Liebe“ (Foto: Filmladen)
Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant spielen die beiden alten Menschen Anne und Georges mit einer sehr intensiven Behäbigkeit, die das Alter mit sich bringt. Für Trintignant ist es die Rückkehr vor die Filmkamera nach acht Jahren; damals hat er sich endgültig vom Kino verabschiedet, spielte nur mehr am Theater. Doch für Haneke machte er eine Ausnahme – und brilliert hier in einer nicht nur emotional, sondern auch physisch fordernden Rolle, die dem selbst schon gebrechlichen Trintignant sichtlich viel Kraft abverlangt.
Haneke stellt in „Liebe“ die lebenslange Liebe zwischen Anne und Georges auf die Probe; die Bilder seines Kameramannes Darius Khondji sind überaus statisch, nüchtern, niemals emotional. Daraus ergibt sich auch ein behäbiger Film-Schnitt, der die Bilder mehr und mehr zu einem sich verengenden Lebens-Umkreis verdichtet: Der gesamte Film spielt nur in der Wohnung des Ehepaares, was der Realität vieler alter Menschen entspricht. Überhaupt hat Haneke „Liebe“ mit großer Schwere und Mühseligkeit inszeniert, was das Betrachten des Films genauso anstrengend macht, wie man sich auch das Leiden des Alters gemeinhin vorstellt – jene unfreiwillige Lebensentschleunigung, in der schon das Überstreifen eines Pullovers oder der Gang zur Toilette voller Beschwerlichkeiten und von langer Zeitdauer sein kann.
Haneke findet eine brillante filmische Form, diesen Lebensabschnitt zu beschreiben. Er gibt der Langsamkeit seiner Geschichte niemals nach, sondern verharrt lieber auf den Details, die den Alltag im Alter so maßlos erschweren können. Dadurch reiht sich „Liebe“, auch wenn er vielleicht der bislang emotionalste Film in Hanekes Karriere ist, nahtlos ein in sein Kino des Unbehagens: Wie immer bei Haneke fühlt sich der Zuschauer niemals wirklich wohl, und gerade hier, beim Thema der eigenen Endlichkeit, funktioniert dieses Unbehagen besonders nachhaltig. Haneke hält neben dem primären Leid der Ehefrau noch eine weitere Erfahrung parat: Wahrer Schmerz, das ist, wenn es geliebten Menschen schlecht geht, wenn sie leiden oder wenn sie sterben.
Wenn Jean-Louis Trintignant seiner Filmehefrau Emmanuelle Riva also ins Gesicht schlägt, dann hat er damit am meisten wohl sich selbst verletzt. Denn hier erst hat er wirklich verstanden, dass er gegen den Lauf der Zeit machtlos ist. Er wird am Ende die für diesen Mann einzig mögliche Konsequenz ziehen.
 „Liebe“ ist ein großer Film in Hanekes Karriere. Und es ist einer seiner relevantesten, universellsten. Weil die Unentrinnbarkeit vor dem Tod feststeht, aber auch, weil die Liebe uns bis zu diesem Moment am Leben hält. Das ist der beinahe optimistischste Moment im Werk dieses Filmkünstlers.
– Matthias Greuling

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LIEBE (F/D/Ö 2012)
Regie: Michael Haneke. Mit Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva, Isabelle Huppert
Ab 21.09.2012 im Kino
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