Venedig-Preise: Vertrauen statt Dogmatismus

Es war eine stark religiös geprägte Mostra del cinema von Venedig, im Jahr eins des neuen Programm-Machers Alberto Barbera. Da gab es eine Anzeige wegen Blasphemie gegen Ulrich Seidls „Paradies: Glaube“, da gab es charismatisch-fanatische Sektenführer in Paul Thomas Andersons „The Master“, oder auch die „Pieta“, zumindest im Titel des gleichnamigen Films des Koreaners Kim Ki-duk, der am Ende als großer Sieger dastand und den Goldenen Löwen bekam. Die Jury rund um US-Regisseur Michael Mann („Collateral“) hat die Glaubens-Programmatik bei der Preisvergabe mitgetragen und damit vielleicht ein kleines Ausrufezeichen dahingehend gegeben, wie wichtig im Menschsein die Verquickung von Religion und Alltag noch immer ist. Oder: Heute wieder ist.

Für Ulrich Seidl war es ein „Zufall“, wie er betonte, dass der zweite Teil seiner „Paradies“-Trilogie mit dem Titel „Glaube“ ausgerechnet im katholischen Italien zur Uraufführung gelangte; für Festival-Beobachter ist diese Positionierung hingegen nur logisch: Nirgends sonst hätte Seidl mit der inzwischen legendären Masturbationsszene mit dem Kruzifix mehr Aufsehen erregt als hier am Lido – prompt ging die Taktik auf, italienische Medien schrieben von einem Skandal und die ultrakonservative katholische Gruppierung NO 194 (die ihren Namen aus dem italienischen Gesetzesparagrafen für Abtreibung bezieht, gegen den sie auftritt) zeigte Seidl und das Festival wegen Blasphemie an.
Dass Seidl nun den Spezialpreis der Jury für seine Geschichte über eine missionierende Krankenschwester (Maria Hofstätter) bekam, ist wie ein Kontrapunkt zum Sturm der Entrüstung. Es ist aber auch, und erneut, eine Art Trostpreis: Schon 2001 hatte Seidl genau denselben Preis für „Hundstage“ erhalten, und damals wie heute hätte er durchaus den Goldenen Löwen verdient. Aber auch das ist Realität im Kunstbetrieb: Als Künstler muss man oft jahrzehntelang reifen, ehe sich Festival-Jurys zu einem Hauptpreis hinreißen lassen: Michael Hanekes etwa hatte seit 1997 jeden Kinofilm in Cannes im Wettbewerb gezeigt, etliche Preise gewonnen und erst 2009 für „Das weiße Band“ die Goldene Palme geholt. Es war nicht sein bester Film. 2012 wiederholte er das Kunststück mit „Liebe“.
Goldene Löwen, Palmen, Bären, das sind eben oft auch Preise für ein ganzes Lebenswerk von Künstlern mit eigener und eigenwilliger Handschrift. Nicht anders verhält es sich mit „Pieta“ von Kim Ki-duk. Der Mann, der die letzten paar Jahre als Einsiedler in einer Waldhütte verbrachte, um durch eine schwere Depression zu gehen, zeigte sich mit seinem neuen Film in alter Form und hat – nach mehreren Anläufen und einem Silbernen Regie-Löwen für „Bin-jip“ (2004) – nun die Gold-Version erhalten. Kim Ki-duks Kino ist voller archaischer Gewalt, es ist pessimistisch und depressiv, da macht auch „Pieta“ keine Ausnahme. Im Zentrum steht ein junger Mann, der als brutaler Geldeintreiber arbeitet. Eines Tages taucht eine Frau auf, die behauptet, seine Mutter zu sein, die ihn nach seiner Geburt ablehnte und nun um Gnade bittet. Eine Katastrophe in der nur noch zaghaft vorhandenen Gefühlswelt dieses Mannes, die am Ende zum umgekehrten Bild führt, dass man von der Pietà hat: Hier schmiegt sich ein Sohn an die tote Mutter, und es sieht so aus, dass all seine Gewalt hätte verhindert werden können, wäre er nur rechtzeitig geliebt worden. „Pieta“ ist ein würdiger Preisträger, aber er ist eben auch eine Auszeichnung fürs Lebenswerk dieses Regisseurs, der in all seinen Filmen die Gewalt als einzig passende Darstellungsform von Liebe benutzt, niemals aus dem Drang heraus, zu provozieren. Darin ähnelt er wiederum Seidl, der Provokation als Triebfeder für seine Filmschilderungen stets abgelehnt hat, sondern lieber darauf verweist, nur die Wirklichkeit menschlicher Abgründe abbilden zu wollen.
Der dritte im Bunde der Preisträger ist „The Master“, Paul Thomas Andersons Sekten-Drama, der für die beste Regie sowie für die Darsteller Philip Seymour Hoffman und Joaquin Phoenix prämiert wurde. Erzählt wird die Relation eines charismatischen Sektenführers (Hofmann) zu seinem am Leben gescheiterten Jünger (Phoenix) zwischen Hörigkeit, Skepsis und Fanatismus – die perfekte Ergänzung zum Religions-Thema dieser 69. Mostra, denn gerade dieser Film zeigte: Glaube funktioniert nicht über Dogmatismus, sondern allein über Vertrauen.

Matthias Greuling, Venedig

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