Michael Haneke im Interview über LIEBE (AMOUR)

Matthias Greuling: Herr Haneke, welche Einstellung haben Sie zum Tod?

Michael Haneke: Meine Einstellung zum Tod ist eine zwiespältige. Er ist bitter für jene, die er aus der Blüte ihres Lebens reißt, und er ist vielleicht erlösend für manche, die leiden. Der Film ist für jedermann zugänglich, weil das Thema Sterben jeden betrifft. Vor zehn Jahren hätte ich diesen Film vermutlich anders gemacht. Die Idee zu diesem Film war eine Geschichte, die in meiner Familie stattgefunden hat und mich berührte. Das Wesentliche ist, dass es kaum jemanden gibt, der nicht schon einmal in der Situation war, dass er einen geliebten Menschen verloren hat. Jeder kennt das, und jeder Mensch geht denselben Weg. Der Grundgedanke von „Amour“ ist, wie man mit dem Leiden des Menschen, den man liebt, umgeht. Das kann eine bittere Angelegenheit sein. Ich habe „Amour“ jedenfalls nicht anders gemacht, als meine anderen Filme, es ist wohl das Thema, das den Film für ein größeres Publikum öffnet, weil es intimer herangeführt werden kann.
Michael Haneke am Set von „Amour“ (Foto: (c) Filmladen)
Den Film an nur einem Ort, nämlich in der Wohnung des alten Ehepaares zu drehen, ist vermutlich eine dramaturgische Kleinstarbeit gewesen.

Das Thema hat ja einen sehr hohen Anspruch, also musste ich auch eine Form finden, die diesem hohen Anspruch gerecht wird. In diesem Fall ist es die klassische Einheit von Ort, Zeit und Handlung, die mir ermöglicht, dem Thema auf angemessener Höhe zu begegnen. Andererseits ist das aber auch riskant, denn es kann ja schiefgehen, da benötigt man dann eine große Portion Handwerk, damit der Film innerhalb dieser einen Wohnung funktioniert.

Sie haben aber nichts dem Zufall überlassen, denn Sie sind bekannt für Ihre akribische Vorbereitung.

Das stimmt. Das Apartment hatte ich jenem meiner Eltern nachempfunden und es in Paris mit dem entsprechenden Dekor errichten lassen. Was aber nicht bedeutet, dass die Geschichte, die ich in „Amour“ erzähle, irgendetwas mit meinen Eltern zu tun hat. Aber mir half das beim Erfinden der Details zu diesem Film, mich in einer mir bekannten Geografie zu bewegen. Ich arbeite mit Prävisualisierung, das heißt, ich plane jede Einstellung bereits zuhause in einem Modell, und weiß daher, wann wo welche Kamera steht am Set. Der Erfolg eines Films liegt einzig und allein in seiner genauen Vorbereitung, das versuche ich auch meinen Studenten klarzumachen. Dass man als Regisseur ans Set kommt und denkt, man lässt sich dort einfach inspirieren, daran glaube ich nicht.

Haben Sie eine Meinung zu Themen wie Patientenverfügung oder Sterbehilfe?

Ja, dazu habe ich mir etwas überlegt. Aber das werde ich nicht mit Ihnen teilen. Denn das würde der Rezeption des Films schaden.

Sie haben mit „Das weiße Band“ 2009 und mit „Amour“ in diesem Jahr bereits zweimal die Goldene Palme gewonnen. Wie wichtig sind Ihnen solche Auszeichnungen heute noch?

Sie sind schon wichtig, denn der Erfolg deines letzten Films bestimmt die Arbeitsbedingungen des nächsten. Daher muss man dieses Spiel mitspielen. Es wäre auch verlogen, zu sagen, Preise sind mir wurscht. Natürlich ist es angenehm, wenn die Leute etwas gut finden. Aber man zittert nicht vor der Preisverleihung. Als jemand, der noch keinen Preis gewonnen hat, wäre man wahrscheinlich nervöser. Aber das ist so, wie wenn Sie als Theaterregisseur bereits 20 Stücke inszeniert haben, und vor der 21. Premiere erst recht wieder nervös sind. Man arbeitet schon, damit die Leute diese Arbeit irgendwie anerkennen. Sonst könnte man ja zuhause bleiben und nichts tun.

Interview: Matthias Greuling

„Liebe“ (Amour) läuft derzeit in den österreichischen Kinos.

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