Grenzgänger: Ein Film wie eine Naturgewalt

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Eine Frau, zwei Männer und die Wildnis der Marchau. „Grenzgänger“ von Florian Flicker entspinnt inmitten dieser unwirtlichen, zugleich auch poetischen Landschaft an der slowakisch-österreichischen Grenze mithilfe der dichten, düsteren Bilder seines Kameramanns Martin Gschlacht eine packende Dreiecksgeschichte auf Basis von Karl Schönherrs Stück „Der Weibsteufel“.
Stefan Pohl, Andrea Wenzl und Andreas Lust in Florian Flickers „Grenzgänger“. Foto: Thimfilm
Die Handlung hat er von den Alpen an die Landesgrenze verlegt, zeitlich im Jahr 2001 angesiedelt, als die Ostgrenze noch eine politische Bedeutung hatte. Hier wird der junge Grenzsoldat Ronnie (Stefan Pohl) auf ein Pärchen angesetzt, das mitten in der Au ein Wirtshaus betreibt. Hans (Andreas Lust) und Jana (Andrea Wenzl) bessern ihr karges Einkommen aus der Fischerei mit Fluchthilfe auf: Hans schafft Illegale von der anderen Seite der March in seine Gaststube und versteckt sie dort so lange, bis Schlepper sie abholen. Ronnie soll seinem Vorgesetzten den Beweis dafür liefern und sich daher (gar nicht desinteressiert) mit Jana anfreunden, um besser spionieren zu können. Hans und Jana begreifen die Absicht hinter diesen Avancen schnell, und Hans hält Jana dazu an, dabei mitzumachen, um kein Aufsehen zu erregen.
Doch aus dem Spiel mit Verführung, Lust und Macht dreht sich schnell ein Strick für alle Beteiligten: Denn sobald echte Emotionen in den zunächst harmlosen Flirt einziehen, werden alle drei die Kontrolle verlieren, jeder auf seine Weise. Anfängliche Loyalitäten verwandeln sich mehr und mehr in Opportunismus, und inmitten der Aulandschaft sieht das Wilde, das Archaische aus wie ein Elysium für Gesetzlose, die wie in einem Western ihre Territorien abzustecken versuchen.
Das Famose an „Grenzgänger“ ist die Reduziertheit, mit der Regisseur Flicker sein nervenaufreibendes Kammerspiel inszeniert: Bei ihm wirkt das beklemmende, karge Setting in der Au wie eine Natur-Doktrin für die Protagonisten – hier wird nicht viel gesprochen, hier zählen Gesten mehr als große Worte. Das Ensemble, allen voran Andrea Wenzl, brilliert in dieser Form des Blickkinos, das einen regelrechten Sog in die Geschichte entfaltet. Ein Film, so schaurig schön wie eine Naturgewalt.
– Matthias Greuling

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GRENZGÄNGER, Ö 2012Regie: Florian Flicker. Mit Andreas Lust, Andrea Wenzl, Stefan Pohl, Martin Schwanda

Dieser Beitrag ist auch in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

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