Ulrich Seidl und PARADIES: LIEBE

TOP/FLOP    Meine Kritik zu PARADIES: GLAUBE finden Sie hier

Es gibt ein Problem mit diesem Film, und das liegt zuallererst in seiner Ausbreitung: „Paradies: Liebe“, der erste Teil einer Trilogie von Ulrich Seidl, der in Cannes im Wettbewerb um die Goldene Palme antrat, ging ursprünglich von einem fast kurzweiligen Konzept aus: Seidl wollte drei Frauen ein Stück ihres Weges begleiten: Eine Mutter, deren Tochter und die Schwester der Mutter. Die erste unterwegs nach Kenia, wo sie von der Pauschalreisenden schnell zur Sextouristin wird; ihre Tochter in einem Abspeck-Camp für übergewichtige Teenager; ihre Schwester als missionierende Ultra-Christin, die mit dem Kreuz von Haus zu Haus tingelt. Ein Episodenfilm namens „Paradies“ hätte das werden sollen, in dem man parallel die drei Geschichten verfolgen konnte. Doch Seidl entschied sich anders. Er hatte soviel Material gedreht, dass er „Paradies“ nun zur Trilogie machte und jeder der drei Frauen einen eigenen, abendfüllenden Spielfilm widmet.
„Paradies: Liebe“ von Ulrich Seidl. Foto: Stadtkino
Nach der Premiere von „Paradies: Liebe“, der Geschichte der österreichischen Sextouristin in Kenia, ist klar, weshalb der Regisseur in Interviews vorab immer wieder betont hat, alle drei Filme am liebsten gemeinsam bei einem Festival aufführen zu wollen. Denn was als Episodenfilm mit drei Protagonisten in zwei Filmstunden vermutlich kompakt funktioniert hätte, breitet sich in der Einzelvariante weit aus. Seidl zeigt 120 Minuten lang den für seine Hauptfigur zunächst ungangbaren Weg zur scheinbaren Befriedigung käuflicher Liebe in der Fremde; Seidls Schilderung erschöpft sich in wiederkehrenden Szenen sexueller Abenteuerlust, in die er etliche sozialpolitische, aber auch klischeebehaftete Grundlagenproblematiken einarbeitet.
Da gibt es die 50-jährige Hausfrau und Mutter mit Brotberuf Behindertenbetreuung (sensationell authentisch: Margarete Tiesel), die in Kenia im Club eincheckt. Dann den mit Kordeln abgesperrten „Weißen“-Strand, vor dem die schwarzen Männer mit allerlei Klimbim handeln. Worüber der Erstkontakt mit den Einheimischen entsteht, die – wie man der Reisenden sagt – „so gut riechen, das vergisst du nie mehr“. Bis es zur ersten sexuellen Handlung kommt, vergehen einige Gewissensbisse, und ja: auch die Frage nach der wahren Liebe schwebt da im Raum, die sich bei allen Beteiligten letztlich über das Portemonnaie regeln lässt; schnell muss die österreichische Sextouristin begreifen, dass ihre jungen, schönen, gut gebauten und ebenso bestückten Männer nur auf Geld aus sind.
Im Grunde ist „Paradies: Liebe“ ein überaus banaler Film, und zwar im positiven Sinne: Seidl führt eine nach Liebe dürstende, einfache Frau vor, die eigentlich spürt, dass sie in Afrika nicht finden wird, wonach sie sucht, aber dennoch ihrer Gier danach erliegt. Ein zutiefst menschlicher Film über eine sehr menschliche Eigenschaft. Doch all das ausgebreitet auf Spielfilmlänge funktioniert dramaturgisch nicht: Die Ausweitung des Projektes von einer Episodengeschichte auf drei Filme wirkt in Teil eins so, als wäre Ulrich Seidl einer jener Regisseure, der sich von seinem gedrehten Material genauso schwer trennen kann, wie seine Protagonistin von der romantischen Vorstellung der wahren Liebe.
– Matthias Greuling

TOP/FLOP

Paradies: Liebe
Ö 2012. Regie: Ulrich Seidl. Mit Margarete Tiesel, Inge Maux
Meine Kritik zum zweiten Teil von Seidls Trilogie, PARADIES: GLAUBE, finden Sie hier

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