Ang Lee und der Kampf mit dem Tiger

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Wie verfilmt man ein Buch, dessen Titel schon seinen Inhalt umreißt und auch als obskur-knappe Kurzgeschichte gelingen hätte können? „Schiffbruch mit Tiger“ erzählt von einem jungen Inder und einem bengalischen Tiger, die in einem nussschalengroßen Boot über den Ozean schippern. Kriegt der Tiger Hunger, wäre der junge Mann ziemlich schnell gefressen, und die Geschichte aus.
Aber Yann Martels Buchvorlage von 2001 bescheidet sich nicht auf dieser Miniatur; sie ist ein engmaschiger Reigen von Fantasien und Allegorien und galt als unverfilmbar. Doch sind die dramatisch aufgeladenen Bilder, die Martel entwirft, geradezu prädestiniert für die Leinwand, einen passende Regisseur vorausgesetzt: Der US-Taiwanese Ang Lee hat versucht, diesen Gordischen Knoten zu entwirren und ihm mit neuester 3D-Technik eine zusätzliche Tiefe zu verleihen.
Tiger, Mensch und Boot: Ang Lee erforscht in „Schiffbruch mit Tiger“
grundsätzliche Fragen des Daseins. Foto: Fox 
Der junge Piscine Molitor Patel, dessen Eltern ihn nach einem Pariser Schwimmbad benannt haben, legt seinen Vornamen ab, denn „Piscine“ klingt zu sehr nach „Pissing“, vor allem, wenn Inder das aussprechen. Er benennt sich in Pi um, nach der mathematischen Zahl, und genau diesen Mut zur unkonventionellen Notlösung wird er später noch einmal brauchen: Als Pi mit seinen Eltern und dem familieneigenen Zoo auf einem Schiff nach Kanada auswandern will, bringt ein Sturm das Schiff zum Kentern. Nur Pi, ein Orang-Utan, eine Hyäne, ein Zebra und besagter Tiger überleben auf einem Rettungsboot. Während die übrigen Passagiere schnell dem Hunger des Tigers zum Opfer fallen, muss sich Pi in ständiger Lebensgefahr 227 Tage im Pazifik am Leben halten. Und den/der Tiger auch. Pi lernt, seine Ressourcen kraftsparend einzusetzen und mit Gottglaube zwischen Hinduismus, Islam und Christentum auf seine Rettung zu hoffen.
Die Geschichte hat, wie alles hier, einen doppelten Boden, der erst nach einiger Zeit sichtbar wird, wie einer dieser monotonen Musterdrucke aus den 90ern, auf die man minutenlang starren musste, ehe einem ein 3D-Objekt entgegen sprang. „Schiffbruch mit Tiger“ ist Metapher und spirituelle Glaubenserforschung zugleich, zeigt einen konkreten Überlebenskampf und eine mehrdeutige Sinnsuche nach dem Glauben an Gott und an seine Vielgestalt.
Ang Lee findet hier, als beinahe schon fanatischer Erforscher der conditio humana, eine reiche Quelle an Spielformen für sein Lieblingsthema: Seine Figuren verlieren oftmals den Boden unter den Füßen, weil ihnen jegliche Sicherheit genommen wird; aber sie hören niemals auf, an ihre Rettung zu glauben, oder gar an das Verändern der Welt. Dieser Glaube ist die erzählerische Triebkraft von „Schiffbruch mit Tiger“; die visuelle hingegen staffiert die vermeintlich dünne Handlung aber noch mit fantastischen 3D-Bildern aus und definiert den abwertenden Begriff vom Spektakelkino neu: Ganz ohne Brimborium aus sinnfreier Action und ebensolchen Dialogen streift „Schiffbruch mit Tiger“ bildgewaltig die großen Fragen des Daseins. Von Gottesfurcht und Todesangst, vom Fressen und gefressen werden: Am Ende siegt das Leben, weil es um seine Vergänglichkeit weiß.
– Matthias Greuling

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SCHIFFBRUCH MIT TIGER
USA 2012. Regie: Ang Lee. Mit Suraj Sharma, Irrfan Khan, Gérard Depardieu
Ab 26.12. 2012 im Kino

Dieser Beitrag ist zuerst in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

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