Tarantinos DJANGO UNCHAINED und Spielbergs LINCOLN

Das Wort Showbusiness hat seinen Namen nicht von ungefähr. Alles hier zielt allein auf die perfekte Inszenierung ab, nichts muss, aber alles kann der Wahrheit entsprechen, doch meist geht es weniger um Wahrheit als vielmehr um pure Unterhaltung. Und die soll letztlich für klingelnde Kassen bei den Erzeugern sorgen.
Die Amerikaner gelten als Erfinder dieser Spaßkultur, und sie machen sich die Mechanismen von Jubiläen gern gefügig, um auch aus ihnen heraus Profit zu generieren. Das ist nicht verwerflich, aber mündige Konsumenten sollten das wissen.
Nicht anders verhält es sich mit zwei neuen Filmen, die diese und kommende Woche in Österreichs Kinos anlaufen werden; es sind Filme, die ein schmerzliches Thema der US-Historie behandeln, was just zu diesem Zeitpunkt keineswegs zufällig geschieht. Quentin Tarantinos „Django Unchained“ (ab 18.1. im Kino) und Steven Spielbergs „Lincoln“ (ab 25.1.) handeln beide von der Sklaverei. Genau 150 Jahre ist es her, dass mit der „Emanzipations-Proklamation“ am 1. Jänner 1863 das Ende der Sklaverei eingeläutet wurde. Dieses Papier erklärte seinerzeit alle Sklaven in den Südstaaten für frei, nicht aber jene in den Nordstaaten. Trotzdem gilt die Erklärung als der Anfang vom Ende dieser menschenunwürdigen Knechtschaft.

Ein salopper Quentin

Jamie Foxx und Franco Nero in „Django Unchained“ Foto: Sony

Quentin Tarantino geht mit der Thematik wenig überraschend recht salopp um; der Regisseur, dem man gerne das Kult-Mascherl umhängt, ist spätestens seit „Inglourious Basterds“ von allen Zwängen akkurater Geschichtsfilmung freigesprochen, als er Hitler in einem französischen Kino im Nitro-Film-Inferno verbrennen ließ. Bei Tarantino geht es nie um Geschichte, sondern um Geschichten. „Django Unchained“ heißt sein Beitrag zum Jubiläumsjahr, und in ihm ballern sich ein deutschstämmiger Kopfgeldjäger namens Dr. King Schultz (nominiert für Golden Globe und Oscar: Christoph Waltz) und ein von ihm befreiter Sklave namens Django (Jamie Foxx, schweigsam) durch ein Heer von schwarzenfeindlichen Widersachern unter der Leitung des Sklavenhalters Calvin Candie (Leonardo DiCaprio). In dessen Südstaaten-Baumwollfarm soll ein blutiger Rache-Showdown für actionlastige Kurzweil sorgen, nachdem Tarantino zuvor 120 Minuten lang einen ausgiebigen Reigen an Gewaltorgien und Herumreiterei betrieben hat. „Django Unchained“ ist natürlich meisterhaft in seiner Machart, aber er verhält sich zum spektakulären Vorgänger „Inglourious Basterds“ ähnlich wie seinerzeit „Jackie Brown“ (1997) zu „Pulp Fiction“ (1994): Der Nachfolgefilm war stets, was die Briten „sophisticated“ nennen, lief beiläufiger und weniger hektisch einer Geschichte nach, die so spektakulär nicht sein wollte.

Was Tarantino nun tatsächlich über die Sklaverei sagt, ist bestenfalls illustratives Beiwerk: Ausgepeitschte Männer in Ketten, und Großherren mit pervers-abartigen Gelüsten, doch das hat man schon in den 80ern bei TV-Serien wie „Fackeln im Sturm“ gesehen. Tarantinos wirkliches Verdienst in der Schilderung der Zustände liegt eher in ihrer Überhöhung. Gerne weißt dieser Regisseur mit den Mitteln der Übertreibung auf die Abgründe des Menschseins hin, und genau das hat ihm auch seinen Kultstatus beschert: Bei Tarantino gibt es nichts Unvorstellbares, das man nicht zeigen könnte. Er zeigt es einfach.
Sein Umgang mit dem Sklaven-Thema brachte ihm schon einiges an Kritik ein, vor allem als Tarantino die Sklaverei mit dem Holocaust verglich und die Horrorplantage von DiCaprios Filmfigur als Auschwitz bezeichnete: Kritiker meinten, diese Begriffe seien für den deutschen Völkermord an den Juden reserviert. Dass es zudem Plastik-Actionfiguren mit den Helden des Films zu kaufen gibt, erweckte Unmut: Sollen Kinder mit schwarzen Sklaven spielen dürfen? Der schwarze Filmemacher Spike Lee hat Tarantino zudem scharf kritisiert, weil er die Geschichte der Sklaverei als Spaghetti-Western inszenierte und damit die schwarzen Ahnen beleidige. Tarantino will den Vorwurf von Verharmlosung nicht gelten lassen; mit Recht, denn dafür ist „Django Unchained“ eindeutig zu brutal.

Ein verblendeter Spielberg

Der andere Regisseur, der sich schon vielgestaltig über Geschichte geäußert hat, aber eigentlich aus dem Spektakelkino kommt, ist für die Amerikaner ohnehin über jeden Zweifel an seiner Seriosität erhaben: Steven Spielberg hatte sich mit „Schindlers Liste“ (1993) auf sagenhafte Weise am Holocaust abgearbeitet: Ihm gelang damals doch tatsächlich, einen mit großer Emotion aufgeladenen Film zu drehen, an dessen Ende man sich fragte, ob es davor überhaupt schon Filme über den Holocaust gegeben hat. Es sind dies Filme, die trotz zahlloser Vorbilder innerhalb von Genres alleine dastehen, als wären die Ereignisse, die sie beschreiben, nur für sie allein erfunden worden. Auch das ist ein geschickter Schachzug im Showgeschäft: So zu tun, als hätte man gerade die Welt völlig neu erfunden.
Daniel Day-Lewis als Abraham Lincoln. Foto: Fox

Mit seinem neuen Werk „Lincoln“ gelingt Spielberg dieses Wahrnehmungs-Kunststück nicht; seine dialoglastige Auseinandersetzung mit den letzten vier Lebensmonaten von Präsident Abraham Lincoln, der hier einem unbeirrbaren Gutmenschen gleich nichts anderes vorhat, als mit dem 13. Verfassungszusatz per Gesetz endlich die Sklaverei abzuschaffen, ehe ihn ein Sklavenhalter ermordete, entspricht nämlich in etlichen Aspekten kaum der Wahrheit. Im Unterschied zu Tarantino, der gar keinen Anspruch stellt, die Historie korrekt abzubilden, tut Spielberg bei „Lincoln“ allerdings sehr wohl so, als sei alles so passiert wie in den 155 Minuten seines Polit-Kammerspiels. Lincoln (grandios: Daniel Day Lewis) ringt bei viel Kerzenschein und endlosen Hinterzimmer-Debatten mit seinem Beraterstab um eine Lösung der Sklavenfrage; man könnte meinen, diesem Mann war das tatsächlich ein Anliegen, dabei war Lincoln in Wahrheit kein Sklavenfreund, sondern jemand, der das rassistische Gedankengut seiner Zeit durchaus teilte und dem es in den Wirren des Bürgerkriegs allein um die Wiederherstellung der Union ging. Besonders deutlich wird dies in einem Brief von Lincoln, der am 22. August 1863 in der „New York Times“ publiziert wurde: „Mein allerhöchstes Ziel ist es, die Union zu retten, und es geht mir nicht darum, die Sklaverei zu retten oder zu vernichten. Wenn ich die Union retten könnte, ohne einen einzigen Sklaven zu befreien, würde ich es tun, und wenn ich die Union retten könnte, wenn ich alle Sklaven befreie, würde ich es auch tun, und wenn ich sie retten könnte, indem ich einige befreie und andere nicht, würde ich auch das tun.“

Spielberg zeichnet Lincoln, den die Amerikaner wie einen Nationalheiligen verehren, viel mehr als Menschenfreund mit hehren Ambitionen, den Schwarzen eine Zukunft ohne Ketten zu ermöglichen. „Ich wollte eine ‚wahre‘ Geschichte über Lincoln erzählen, mir Zynismus und Heldenverehrung ersparen“, so Spielberg. Geglückt ist ihm das nur bedingt. „Lincoln“ geht mit 12 Nominierungen als Favorit ins Oscar-Rennen, auch weil hier US-Geschichte pünktlich zum passenden Anlass ein bisschen geschönt wird. Freilich wurde selbst „Lincoln“ kritisiert: Man warf Spielberg vor, das Sklavenproblem allein aus der Sicht der weißen, herrschenden Rasse zu zeigen, niemals aber aus Sicht der Unterdrückten.

Die Macht der Korruption

Tatsächlich hält sich Spielberg fast nur im Weißen Haus oder im Repräsentantenhaus auf, wo man über die Sklavenfrage debattiert. Dem entgegen steht aber Spielbergs Film „Amistad“ (1997), der von der Meuterei von Sklaven auf einem Sklavenschiff erzählte und sehr wohl deren Perspektive reflektierte. „Lincoln“ ist dahingehend vielleicht eine logische Fortführung – immerhin ist es nicht uninteressant, zu verfolgen, wie weichenstellende Entscheidungen zustande kommen und welch großen Einfluss dabei skrupellose (auch von Lincoln selbst ausgeführte) Korruption hat. Ein sehr aktuelles Thema.
„Django Unchained“ und „Lincoln“ sind aber am Ende kaum tauglich für Vergangenheitsaufarbeitung. Sie bieten einerseits blutiges Spektakel, andererseits die glorifizierende, nicht allzu differenzierende Verneigung vor einem überlebensgroßen Idol. Das US-Publikum liebt solche Filme, weil sie Balsam für ihre Nation und ihr Wir-Gefühl sind. Kaum ein anderes Geschäft als das Showbusiness kann so virtuos auf dieser Klaviatur der Gefühle spielen.
Matthias Greuling
DJANGO UNCHAINED – ab 18. Jänner im Kino
LINCOLN – ab 25. Jänner im Kino
Dieser Beitrag ist zuerst in der „Wiener Zeitung“ erschienen.
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