Quentin Tarantino und sein DJANGO UNCHAINED

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Man kann in diesem Film zählen, wie oft das Wort „Nigger“ fällt. Man kann den befreiten Sklaven Django (Jamie Foxx) als ultracoolen Kinohelden mit getönter Brille sehen. Man kann die knapp dreistündige Reiterei durch Amerikas Süden auch als dramaturgisch schwerfällig und unstrukturiert bezeichnen. Aber all das wäre eine viel zu kurz gegriffene Rezeption von Quentin Tarantinos „Django Unchained“.
Jamie Foxx und Leonardo DiCaprio. Foto: Sony Pictures

Tarantino erzählt hier zwar die recht simple Rachegeschichte des vom Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz) befreiten Sklaven Django, der seine Frau von der Baumwoll-Plantage „Candyland“ des üblen Sklavenhalters Calvin Candie (Leonardo DiCaprio) befreien will. Und auch, wenn Tarantino sich wieder vollends seiner Leidenschaft hingibt, den Film mit äußerst brutalen Szenen, mit frechen Wortspielchen und mit allerlei Zitaten aus der Filmgeschichte anzureichern, so ist „Django Unchained“ doch ein Bannbruch im Hollywood-Zirkus, wo man das Thema bisher weitgehend vermieden hat: Selten hat ein Filmemacher so ungestüm und ungeniert die Geschichte der Sklaverei aufgegriffen, gänzlich frei von Konventionen und Berührungsangst.

Tarantino liebt natürlich das Spektakel. Es gibt heftige Schießereien vor einem umstellten Saloon, es gibt einen Showdown, bei dem das vergossene Blut ganze Häuserwände neu einfärbt – der Regisseur weiß, was er seinen Fans schuldig ist. Und doch ist „Django Unchained“ viel subtiler als sein Vorgänger „Inglourious Basterds“ – ähnlich wie einst der vornehm zurückhaltende Dramaturgie-Fluss von „Jacky Brown“, der im krassen Gegensatz zum eher aufgeregten „Pulp Fiction“ stand.
Tarantino gräbt tiefer: Er erlaubt sich großartige Späße mit dem Ku-Klux-Clan; er bringt den einstigen Django-Darsteller Franco Nero kurz zurück auf die Leinwand. Die Plantage zeichnet er als schreckliches Zwangsarbeitslager mit KZ-Anmutung. Seine Darsteller – allen voran Christoph Waltz, der Tarantinos Dialoge mit großer Spielfreude punktgenau interpretiert – entrücken die abgründigen Wildwest-Konflikte auch ein Stück weit aus dem billigen Dunst eines Spaghettiwestern; „Django Unchained“ funktioniert nur oberflächlich als Trash-Orgie. Darunter lassen sich die bislang verborgenen Qualen eines dunkeln Geschichtskapitels entdecken.
Matthias Greuling
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DJANGO UNCHAINED – USA 2012. Regie: Quentin Tarantino. Mit Christoph Waltz, Jamie Foxx, Leonardo DiCaprio
Dieser Beitrag ist zuerst in der „Wiener Zeitung“ erschienen.
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