Oscar-Favorit? Steven Spielberg und LINCOLN

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Die Filmografie von Steven Spielberg ist zweigeteilt: Zum einen hat dieser einst als Wunderkind bezeichnete Regisseur zumindest die Hälfte aller Event-Movies der letzten 40 Jahre gedreht, ja, er hat dieses Genre mit „Der weiße Hai“ gar erfunden. Zum anderen ist der 66-jährige, linksliberale Filmemacher an (US-amerikanisch geprägter) Geschichte überaus interessiert, hat mit „Schindlers Liste“ oder „Der Soldat James Ryan“ große Dramen erzählt, die allesamt höchst zugänglich von Krieg und Vernichtung berichteten. Mit „Amistad“ hat Spielberg auch schon mal einen Film über einen Sklavenaufstand auf einem Schiff gedreht, doch was er nun in „Lincoln“ versucht, hat in seinem Schaffen bislang keine Entsprechung: Die letzten vier Monate im Leben des überlebensgroßen Präsidenten Abraham Lincoln, den die Amerikaner verehren wie keinen zweiten, und dessen „Lincoln Memorial“ in Washington stets für die wirklich großen Ereignisse als Kulisse dienen darf: Martin Luther King sprach dort, und erst am Montag wurde Barack Obama dort für seine zweite Amtszeit vereidigt.
Daniel Day-Lewis ist Abraham Lincoln. Foto: Fox
Dieser Abraham Lincoln gilt als jene Leitfigur, die einst den Bürgerkrieg beendete und aus zerstrittenen Landsleuten die Vereinigten Staaten von Amerika formte. Und er gilt als jener Präsident, der die Sklaverei abschaffte – was er zur Restauration der Union als notwendig erachtete, auch wenn ihm in Wahrheit das rassistische Gedankengut der damaligen Zeit nicht fremd war. Spielberg zeichnet in „Lincoln“ nun diese letzten Lebensmonate vor Lincolns Ermordung nach, in die seine Wiederwahl fiel, aber auch das Händeringen um den 13. Verfassungszusatz, der die Abschaffung der Sklaverei regelte. Der Film taucht in einen überaus komplexen Sachverhalt ein: Einerseits versucht der Republikaner Lincoln (Daniel Day-Lewis), diesen Verfassungszusatz mit Hilfe seines Secretary of State William Seward (David Strathairn) durchzubringen, nachdem er im Kongress bereits gescheitert war; dazu braucht er Stimmen von den Demokraten, die massiv gegen die Befreiung der Schwarzen ist. In dem leidenschaftlichen Thaddeus Stevens (Tommy Lee Jones) findet er einen Fürsprecher seiner Idee, der für harsche Debatten im Repräsentantenhaus sorgt. Den Rest der nötigen Stimmen muss der Präsident mit Zugeständnissen erkaufen. Korruption für die gute Sache, ja, aber doch Korruption, auf höchster Ebene, sozusagen.

Andererseits ist Lincoln auch als Privatmann nicht sorgenfrei: Seine Frau Mary (Sally Field) spürt, wie sich die politischen Spannung bis ins Schlafzimmer Lincolns fortsetzen, und der älteste Sohn Robert (Joseph Gordon-Lewitt) will gegen den Willen seiner Eltern unbedingt in den Krieg ziehen.
All das subsumiert Spielberg in einer für ihn bislang unbekannten filmischen Form: In 155 Minuten zeigt er dialoglastiges Kino, zeigt Nachdenkpausen im Weißen Haus bei fahlen Kerzenschein, zeigt hitzige Politdebatten im Repräsentantenhaus, bespricht komplizierte Gebaren im US-Politbetrieb, für die man Geschichtsexperte sein muss, um sie wirklich nachvollziehen zu können. Hinzu kommt Spielbergs visuelle Unnahbarkeit seines Präsidenten gegenüber: Zumeist ist Lincoln in den endlosen Debatten von der Seite oder von hinten zu sehen, weil er als zentrale Ansprechfigur des zerrütteten Amerika alle auf ihn einredenden Kräfte bündeln muss; ein kluger visueller Schachzug dieses sonst so explizit und aufsichtig agierenden Regisseurs. Getragen wird die Inszenierung aber von ihren Darstellern: Heraus sticht Tommy Lee Jones mit süffisanter Leidenschaft, und Daniel Day-Lewis legt Lincoln als melancholischen Helden an, der mehr mit Ironie als mit Klischees spielt.
Gerade diese Zeit hätte man als opulente Schlachtenoper inszenieren können, als bombastische Geschichts-Epos. Doch Spielberg wählte einen anderen Weg: Er zeigt, wie Politik von innen funktioniert; Kriege, Revolutionen, Umbrüche passieren letztlich auf den Straßen, erdacht und geplant werden sie aber hinter verschlossenen Türen. Mit Spektakel hat das nichts zu tun.
– Matthias Greuling

LINCOLN – im Kino
USA 2012. Regie: Steven Spielberg. Mit Daniel Day-Lewis, Sally Field, Joseph Gordon-Lewitt

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