PARADIES HOFFNUNG: Ulrich Seidl im Fat-Camp

Der Hattrick ist geschafft: Ulrich Seidl brachte bei der Berlinale am Freitag Abend den dritten Teil seiner „Paradies“-Trilogie zur Uraufführung, und hat damit das seltene Kunststück geschafft, in drei aufeinanderfolgenden A-Filmfestivals im Wettbewerb zu stehen – bislang gelang das nur dem Polen Krzysztof Kieślowski mit seiner „Drei-Farben“-Trilogie.


PARADIES: HOFFNUNG (Foto: Berlinale/Stadtkino)

Nach Cannes („Paradies: Liebe“) und Venedig („Paradies: Glaube“) nun also „Hoffnung“ in Berlin. Und irgendwie passen die jeweiligen Episodentitel auch auf die Orte, an denen sie uraufgeführt wurden. Seidl spricht allerdings nicht von Absicht, sondern Zufall, da er am liebsten alle drei Filme an nur einem Ort gezeigt hätte. Der nun entstandene „Nebeneffekt“: Der Regisseur ist dank der Festival-Tour seit bald einem dreiviertel Jahr europaweit in aller Munde.
„Paradies: Hoffnung“ führt also nun zusammen, was man zu einem vielschichten Leidensweg moderner Frauenschicksale subsumieren könnte:  Nach der missionierenden Christin in „Glaube“ und der Sextouristin in „Liebe“ ist es nun die 13-jährige Tochter der Touristin, die im Mittelpunkt steht: Sie zwangsurlaubt im Diätcamp für übergewichtige Teenager und verliebt sich dort in den viel älteren Camp-Arzt (Josef Lorenz), der ihre unschuldig vorgetragenen Avancen sogar erwidert.
„Paradies: Hoffnung“ ist der kürzeste Film der Trilogie, aber auch in den 90 Minuten seiner Laufzeit gibt es immer wieder repetitive Elemente, die – wie schon bei den Vorgängerfilmen – vor allem von der ursprünglichen Struktur des Projekts herrühren: Seidl wollte aus allen drei Geschichten einen Episodenfilm machen, doch die Fülle seines Materials verleitete ihn dazu, es mit drei Filmen in Spielfilmlänge zu versuchen. Mit dem Nachteil einer schwerfälligen Struktur, die am besten in „Glaube“ funktioniert, sonst aber durchaus dramaturgische Leerstellen aufweist.
Die hier gezeigte Nabelschau schwer übergewichtiger Teenager ist dabei durchaus mit allerlei amüsanten und in ihrer Direktheit und Ungestelltheit entlarvenden Penetranz ausgeführt; Seidl hat – auch dank seiner sehr feinsinnig zusammengestellten Besetzung (allen voran die Laiendarstellerin Melanie Lenz) – wenig Mühe, in den Kosmos einer von Vernachlässigung, Bewegungsmangel und Fadesse gepeinigten Jugend vorzudringen. Sein Film, von der Presse in Berlin mit freundlichem Applaus bedacht, eröffnet den Blick auf eine scheinbar gleichgültige Generation, die kaum Ziele im Leben kennt, die weiter als bis über die nächste Mahlzeit hinausreichen.
Eingebettet in den militärischen Drill des Diät-Camps (mit einem Sportlehrer, wie er im Buche steht, famos interpretiert von Michael Thomas) gelingt Seidl ein fast schon versöhnlicher Abschluss seiner Trilogie: Die Verstörung findet man anderswo, selbst, wenn es hier eine verbotene Lolita-Liebe ohne Aussicht auf Erfüllung gibt. Dieser sonst so kompromisslose Regisseur lässt dem Titel gemäß doch einen Funken Hoffnung zu, ohne seine stilistische Eigentümlichkeit und Präzision aufzuweichen.
– Matthias Greuling, Berlin

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