Les Misérables: Mit Inbrunst gekrächzt

Das Musical „Les Misérables“ zeigt gute Schauspieler beim schlechten Singen

TOP/FLOP
 
„Les Misérables“ (Foto: Universal)
Schwachbrüstig, krächzend und hauchdünn sind ihre Stimmchen: Selbst bei Dieter Bohlen wären die Herrschaften wohl allesamt durchgefallen, doch die hohe Sangeskunst ist ihre Domäne ohnehin nicht: Hugh Jackman, Anne Hathaway, Amanda Seyfried, Russell Crowe oder Helena Bonham Carter gehören zu Hollywoods prominentesten Schauspielern, weil sie das eben besser beherrschen als das Singen.
„Les Misérables“ nimmt darauf aber kaum Rücksicht. Die bombastische und bildgewaltige Kinofassung des auf Victor Hugos Literaturklassiker basierenden Musicals will Opulenz und Emotionen transportieren, und wenn es um ein großes Ganzes geht, dann fallen ein paar falsche Töne gar nicht ins Gewicht. Das Musical erzählt vom Krieg, ist Schlachtenepos und Familientragödie zugleich, beinhaltet romantische Liebe und beißenden Hass. Im Zentrum steht der wegen Brotdiebstahls zu 19 Jahren Haft verurteilte Jean Valjean (Hugh Jackman), der nach seiner Entlassung mit Argusaugen von Gefängniswärter Javert (Russell Crowe) beobachtet wird. Andernorts muss sich die junge Fantine (Anne Hathaway) prostituieren, weil man sie wegen ihres unehelichen Kindes verstoßen hat. Ihre Tochter Cosette (Amanda Seyfried) wird sich später in den Studenten Marius (Eddie Redmayne) verlieben, der aber vor hat, in der bevorstehenden Revolution auf den Straßen von Paris notfalls auch sein Leben zu lassen.
Hugh Jackman rettet Anne Hathaway (Foto: Universal)
Eine Geschichte voller Wendungen und Emotionen, die Regisseur Tom Hooper (Oscar für „The King’s Speech“) mit handwerklicher Präzision und Geradlinigkeit umsetzt, in der dramaturgische Raffinesse aber vollständig dem Schauwert gewichen ist. Hooper bleibt sehr gerne nah an seinen Darstellern, vor allem, wenn sie ihre Solonummern vortragen. Dann blendet er mit den Großaufnahmen der Gesichter seiner Stars ringsherum alles aus, was im Moment der großen Emotion stören könnte: Dass hier die Stimm-Aufnahmen tatsächlich während des Drehs und nicht wie üblich erst später im Studio entstanden sind, hat den Vorteil, dass die Darsteller sich mit voller Inbrunst und leidenschaftlich in ihre Rollen sinken lassen können.

Diese Soli sind regelmäßig über das knapp 160-minütige Epos verteilt und dienen – wie auch auf der Musical-Bühne – zur besseren Charakterzeichnung der einzelnen Figuren. So richtig glückt das aber nur mit Valjean und Fantine, die anderen Figuren bleiben blass. Hugh Jackmans Mut zur Hässlichkeit und Anne Hathaways Tränendrücker-Solo sind mit ein Grund, weshalb diese beiden Darsteller für einen Oscar nominiert wurden. Insgesamt tritt „Les Misérables“ in acht Kategorien an, darunter auch als bester Film. Lange Zeit galten Musicals in Hollywood zwar als Kassenmagneten, aber künstlerisch ernst genommen hat man sie nicht. Doch seit dem Welterfolg von „Mamma Mia!“ wird dieses Genre zunehmend salonfähig.
Für „Les Misérables“ hat sich Tom Hooper stark auf die Bühnenfassung konzentriert, was dem Film ein gewisses Maß an Theatralik beschert. Tiefpunkt ist der krächzende Russell Crowe. Um es mit Dieter Bohlen zu sagen: „Wenn das Wetter draußen so wäre wie deine Stimme, dann würde es Scheiße regnen.“
Matthias Greuling
Les Misérables, GB 2012
Regie: Tom Hooper. Mit Hugh Jackman, Anne Hathaway, Amanda Seyfried, Russell Crowe, Helena Bonham-Carter
Ab 22.2.2013 im Kino
Dieser Beitrag ist zuerst in der „Wiener Zeitung“ erschienen.
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