NÄGEL MIT KÖPFEN: Marko Doringer und das Ende der Freiheit

Marko Doringer in „Nägel mit Köpfen“. Foto: Polyfilm

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Vier Paare, vier unterschiedliche Geschichten, ein gemeinsames Problem: Das Zusammenleben ist in Marko Doringers Dokumentarfilm „Nägel mit Köpfen“ weit entfernt von einem harmonischen Idealbild; es ist ein von gesellschaftlichen Konventionen und persönlichen Ängsten geprägtes Experiment. Der österreichische Filmemacher hatte bereits mit „Mein halbes Leben“ sehr selbstreflexiv über sein eigenes Dasein und seine Zukunftsängste erzählt, und auch in seinem neuen Film steht Doringer wieder selbst vor der Kamera. Ihn treibt die Frage um: Wie schaffe ich es, mit meiner Freundin Marlene zusammenzuziehen, ohne das Gefühl zu haben, mich dadurch in meiner Freiheit eingeschränkt zu fühlen oder etwas zu verpassen? Er wagt den Versuch beim gemeinsamen Umzug nach Berlin und bindet sich damit zwar nicht durch eine Ehe an eine Frau, aber, wie er sagt, „durch einen Mietvertrag.“
Um die eigenen Ziele und Lebensentwürfe auf ihre Tauglichkeit hin zu untersuchen, besucht Doringer auch andere, mit ihm befreundete Paare, deren Gemütslage in Hinblick auf ihre Beziehung stets unterschiedlich ist. Silke und Klaus sind zum Beispiel zwei Österreicher in Dubai, mit Karriere, Haus und Wüstensand. Beide wünschen sich nichts sehnlicher als ein Kind, und im Garten haben sie die Bergkulisse eines Plakats von der Österreich-Werbung angebracht. Für ein bisschen Heimat.
Jenny und Hannes leiden unter langen Trennungsperioden, weil sie als Musicaldarstellerin ständig deutschlandweit unterwegs ist, während er in Berlin auf ein Engagement als Drummer wartet. Der Österreicher Thomas und der Serbe Nikola wiederum leben seit Jahren zusammen in Belgrad. Obwohl sie unglaublich glücklich miteinander sind, gibt es Differenzen. Nikola ist arbeitslos und lebt vom Geld, das Thomas als Lehrer an einer deutschsprachigen Schule nach Hause bringt. Das homophobe Umfeld und die finanzielle Abhängigkeit Nikolas macht den beiden das Leben schwer.
Das Charmante an Marko Doringers Filmen ist ihre scheinbar ungestellte Unmittelbarkeit, mit der der Autodidakt gänzlich unverkrampft die Sorgen und Ängste des Alltags illustriert. Indem er sich selbst erneut in den Mittelpunkt seines Films stellt, bringt er eine persönliche Ebene in die Doku ein, die dadurch nicht an den Schicksalen von unbekannten Interviewpartnern teilhaben lässt, sondern an jenen von Freunden. Doringers Zweifel zum Beziehungsleben sind in jeder Szene zu spüren, wenngleich sie nie düster-depressiv wirken. Vielmehr gesellt sich hier eine leicht (selbst-)ironische Betrachtungsweise des Konstrukts „Beziehung“ hinzu, das in der landläufigen Definition das klassische Zusammenleben unter einem Dach meint, mit paritätischem Müll raustragen und Putzdienst machen. Sich freizudenken von der Vision des Eingesperrtseins will dieser Film ermöglichen. Er zeigt aber auch, dass die Symbiose einer Lebensgemeinschaft so schlecht nicht sein muss.
Matthias Greuling
NÄGEL MIT KÖPFEN
Ö 2013. Regie: Marko Doringer. Mit Marko Doringer, Dokumentarfilm. 93 Min. Verleih: Polyfilm
Dieser Beitrag erschien zuerst in „Die Furche“.

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