Diagonale 2013: Innovatives Kino über den (Un-)Wert des Kontinuierlichen

Auf Herrn Manfred ist Verlass. Der (mittlerweile pensionierte) Barkeeper eines Grazer Innenstadthotels kehrt einmal im Jahr in seinen früheren Beruf zurück, um die Gäste der Diagonale mit dem von ihm kreierten „Kalaschnikov“ zu versorgen. Ein kleiner Shot aus Wodka, Kahlua und Zitrone, der es beim Filmfestival längst zum Kultgetränk gebracht hat. Jeder hier hat einen der Festivalabende schon einmal mit ein paar Kalaschnikovs beendet. Es ist wie ein Ritual.
 
„Talea“ von Katharina Mückstein. Foto: Diagonale
Wenn Rituale und Kontinuitäten fehlen, dann gerät der Mensch aus dem Gleichgewicht. Das zeigt sich in Graz nicht nur im diesmal verregneten Wetter (sonst sitzt man hier um diese Zeit in der Sonne), sondern auch im Programm. Eine Reihe von Erstlingsfilmen, aber auch die Arbeiten arrivierter Filmemacher befassen sich mit diesem Thema, darunter auch die Debütantin Katharina Mückstein, die an der Wiener Filmakademie bei Haneke Regie studiert hat.  In „Talea“ erzählt sie die einfache und doch menschlich komplizierte Geschichte der 14-jährigen Jasmin (talentiert: Sophie Stockinger) und ihrer gerade aus der Haft entlassenen Mutter Eva (Nina Proll). Die Annäherung zwischen den beiden ist geprägt von der Absenz jeglicher Kontinuität, die ein Kind in Jasmins Alter so dringend nötig hätte. Bei einer Reise aufs Land versuchen sie, sich zu finden: Ihre Nähe zueinander entwickelt sich aber nur recht zaghaft. Mückstein setzt ihre unspektakuläre filmische Identitätssuche in beinahe schon bedrückend schöne, dichte Bilder um, in denen ihre beiden Darstellerinnen wie in einer Blase kurz die Welt um sich herum vergessen und jede Angst vor einer Zukunft ohne Kontinuität absorbieren.
All das, was zu den landläufig als lebensnotwendig erachteten Kontinuitäten gehört, führt ein anderer Erstlingsregisseur in seinem Debüt „Soldate Jeanette“ ad absurdum: Daniel Hoesl zeigt die einst vermögende Fanni (Johanna Orsini-Rosenberg) beim Abstreifen jeglichen Reichtums; sie wird zwangsdelogiert, weil sie mit der Miete im Rückstand ist. Sie wird mehr und mehr die Sicherheit, die ihr das Vermögen gab, durch eine andere Art von Lebenskontinuität ersetzen: Zum Glück braucht es keine materiellen Güter – eine alte Weisheit, die Hoesl aber in eine innovative Erzählstruktur taucht, die sich angenehm radikal von dem von Stuck und Konservativismus geprägten, muffigen Wien abhebt. „Soldate Jeanette“, begonnen ohne Drehbuch, für nur 65.000 Euro realisiert und mittlerweile Preisträger beim Filmfestival Rotterdam, ist ein stilistischer Durchbruch zu neuen Ufern. Hoesls Frauenfiguren haben eine Intensität wie jene bei Fassbinder, und sie spucken dem Materialismus mit ganzer Kraft ins Gesicht. Wider die Kontinuität im Sinne der Wiederholung immer gleicher Fehler, das bedeutet: Sich wirklich treu zu bleiben.
Treu bleibt sich auch Caspar Pfaundler. Er zeigt in „Gehen am Strand“ die Befindlichkeit der Studentin Anja (einnehmend: Elisabeth Umlauft), die mit der Finalisierung ihrer Diplomarbeit hadert und sich zunehmend sozial isoliert. Die Isolation erhält lebensbedrohlichen Charakter, eine Reise ans Meer bietet Anja die Chance auf eine Rückkehr ins „normale“ Leben. Pfaundler ist gewohnt sensibel im Vortrag seiner simplen Geschichte. Wie er auch schon in seinem letzten Film „Schottentor“ mit größtmöglicher Präzision versucht hat, existenzielle Nöte einzufangen, gelingt ihm das auch hier vortrefflich.
Zwei Dokus sprechen auf der Diagonale vom Kontinuum des eigenen Willens:  „Schlagerstar“ von Marco Antoniazzi und Gregor Stadlober folgt dem Volksmusiker Marc Pircher durch Bierzelte, Autogrammstunden, Lederhosenromantik. Keine Musiksparte macht mit Konzerten und CD-Verkäufen mehr Geld als die Volksmusik, aber der Traum, den Pircher lebt, ist hart erkämpft: Lächeln und gute Laune sind obligatorisch, und zwar 24 Stunden täglich, kontinuierlich. Die Doku macht sich über ihren Protagonisten niemals lustig, auch wenn vieles hier belächelt werden könnte.
„Robert Tarantino“ von Houchang Allahyari. Foto: Diagonale
Ähnlich ist das in Houchang Allahyaris „Robert Tarantino“, einer Doku über einen leidenschaftlichen Wiener Trash-Filmer, die ebenfalls den Respekt wahrt und sich nicht über die Splatter-Horror-Filme lustig macht, die „maximal 40 Euro kosten, für das bisserl Kunstblut“. Sein Künstlername ist seinen Vorbildern Robert Rodriguez und Quentin Tarantino geschuldet, in deren Liga er so gerne spielen würde. Allahyari hat den Traum von Hollywood aber schnell heruntergebrochen auf die ursprünglichste Sehnsucht nach Kontinuität: Robert Tarantino verliebt sich in die Hauptdarstellerin seines neuesten Films. Eine unerhörte Liebe, ein großer Schmerz.
Ein Kalaschnikov von Herrn Manfred könnte über einen solchen Schmerz hinweghelfen. Aber nicht kontinuierlich, sondern nur vorübergehend.
Matthias Greuling
Dieser Beitrag ist zuerst in der „Wiener Zeitung“ erschienen.
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