TAKE THIS WALTZ : Fragmente des Glücks

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Es gab Zeiten, da war Lou die Hauptfigur in Margots Leben. Doch die sind vorbei. Lou (Seth Rogen) muss erkennen, dass seine Ehefrau Margot (Michelle Williams) irgendwann aufgehört hat, all die geschmeidigen Beziehungsrituale mitzutragen, die sich die beiden im Laufe ihrer Ehe angeeignet haben; das neckische Komplimentieren etwa; das „Ich liebe Dich“-Aufsagen; das Wie-ein-Baby-miteinander-Sprechen. Die Magie der Liebe weicht mitunter solcherlei Habitus, und sie tut es schleichend, ohne dass die Betroffenen es bemerken. Oder besser: Wenn sie es merken, ist es zu spät.
„Take This Waltz“: Michelle Williams und Luke Kirby. Foto: Polyfilm
Margot verliebt sich nämlich. In den Nachbarn Daniel (Luke Kirby). Der ist im Gegensatz zu dem als Kochbuchautor arbeitenden Lou gar nicht kauzig und kindisch, sondern königlich galant, Künstler und konform mit Margots Vorstellungen einer Alternative zu ihrem bisherigen Dasein. Dabei war sie eigentlich glücklich verheiratet, all die Jahre. Nur bei dieser einen Begegnung im Flieger, bei der sie Daniel kennen lernte, da war das Gewissen nicht dabei, nur das Gefühl.
Lange bleibt diese Sehnsucht sexlos; einen ganzen Sommer lang im heißen Toronto spielen Margot und Daniel ein Spiel aus Begierde, aus Flirt, aus Zu-weit-Gehen und aus Rückzieher-machen. Es sind Fragmente des Glücks. Für Margot bleibt die sexuelle Fantasie nonverbal – bis Daniel sie ausspricht.
Was folgt, in Sarah Polleys zweiter Regiearbeit „Take this Waltz“, ist ein unsentimentaler, und zugleich durch und durch liebevoller Blick auf die Beziehungswelten von Menschen um die 30, ganz unprätentiös in seiner Realitätsnähe, ganz souverän in seiner Besetzung und ganz sanft in seiner Entwicklung: Wann beginnt das Fremdgehen, darf man sich fragen. Wann wird aus einem Flirt eine Liebe?
Die 33-jährige Polley, die als Schauspielerin in Filmen wie „Mein Leben ohne mich“ oder „eXistenZ“ spielte, hatte mit ihrer ersten Regiearbeit „An ihrer Seite“ (2006) ein sehr erwachsenes, ernstes Alzheimer-Drama inszeniert. Mit „Take this Waltz“ erforscht sie nun die von weniger Schwermut geprägten Lebensentwürfe ihrer eigenen Generation.

Michelle Williams mit „Ehemann“ Seth Rogen. Foto: Polyfilm
Michelle Williams ist darin ein wahrer Glücksgriff: Sie könnte dank ihres mädchenhaften Gesichts und Gehabes gar nicht besser besetzt sein für die Rolle einer an sich unschuldigen Hadernden, die doch nur untreu wird, weil die Liebe sie von rückwärts übermannt hat. Ihr bisheriges Leben schien perfekt und unaustauschbar; von einem Moment auf den anderen hat sich das geändert. Ist es verwerflich, seinen emotionalen Impulsen nachzugeben? Auch diese Frage stellt der Film.
„Take this Waltz“ ist – im Vergleich zu „An ihrer Seite“ – ein luftig-leichter Schwebezustand geworden. Aber Polley vermeidet glücklicherweise konsequent jede Form von Verkitschung, jede bewusst herbeigeführte Genrekonvention. Das macht diesen Film so wunderbar anschaubar: Er berührt Momente des Zweifels, der Hoffnung, der Schuld und der Vergebung, aber er steht außerhalb jeder Hollywood-Romanze. Worum es hier geht, ist das Finden der Liebe, nicht das Lachen oder das Weinen darüber.
Matthias Greuling
Take this Waltz, CAN,E,JP 2011
Regie: Sarah Polley. Mit Michelle Williams, Seth Rogen, Luke Kirby
Ab 29.3. im Kino
Dieser Text erschien zuerst in der „Wiener Zeitung“.
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