KON-TIKI – Reise ohne Herzblut

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Quod erat demonstrandum. Dieser Leitsatz galt für Thor Heyerdahl (Valheim Hagen) schon lange bevor er 1947 zu seiner vermeintlich selbstmörderischen Mission über den Pazifik aufbrach. Heyerdahl war überzeugt, dass Polynesien einst nicht von Asien, sondern von Südamerika aus besiedelt wurde. Und zwar vor 1500 Jahren, mit einem einfachen Floß, das 100 Tage über das offene Meer segelte, ohne moderne Hilfsmittel und allein angewiesen auf den Sanftmut des Wassers. Zusammengebundene Baumstämme, ein überdachter Verschlag an Deck, ein primitives Steuerruder, ein Leinensegel. Mehr war da nicht.
„Kon-Tiki“ (Foto: Filmladen)
Genau das wollte Heyerdahl der Welt beweisen, und seine Mission führte ihn fast 8000 Kilometer übers Wasser – mit einem Kon-Tiki, einem ebensolchen einfachen Floß. Die einzigen modernen technischen Hilfsmittel, die er an Bord brachte, waren ein Funkgerät und ein Kompass. Er und seine Crew aus Abenteuer-Liebhabern filmten mit einer Bolex 16mm-Kamera, was unterwegs passierte; später wurde der Film mit einem Oscar ausgezeichnet, und Heyerdahls Niederschrift von der Reise wurde als Buch in 70 Sprachen übersetzt und 50 Millionen Mal verkauft.
„Kon-Tiki“, die Verfilmung dieses wahnwitzigen Unterfangens, das die norwegische Seefahrerlegende Thor Heyerdahl als sturen, konsequenten Abenteurer mit ausgeprägtem Forscherdrang zeichnet, bietet unter der Regie von Joachim Rønning und Espen Sandberg jede Menge Schauwert; dass Heyerdahl seine Expedition als Nichtschwimmer antrat, ist nur ein kleines, aber charmantes Detail der Inszenierung. Sonst dominiert dort der Kampf einer Crew gegen die Unwegsamkeiten der hohen See. Natürlich gibt es Stürme, Böen, Riesenwellen. Natürlich gehen Männer über Bord. Aber zumeist verläuft die Reise ruhig und die See präsentiert einen traumhaften Sonnenuntergang nach dem anderen. Im Mittelpunkt stehen mehr die unsichtbaren Gefahren des Meeres: Riesige Wale, die unter dem Floß durchtauchen und es wie eine Streichholzschachtel umwerfen könnten, wenn sie an die Oberfläche tauchten. Oder ein Schwarm von Haien, der der Besatzung große Angst einjagt, weil er immerfort um das Floß kreist. Und auch die Ermüdung des schwimmenden Materials birgt Gefahr: Das vom Salzwasser stark angegriffene, morsche Holz droht den Belastungen der See bald nicht mehr standzuhalten.
Nicht zuletzt steht die zwischenmenschliche Komponente im Zentrum von „Kon-Tiki“: Die Moral der Männer lässt unter ihrem fallweise beinahe schon despotischen Anführer stark nach; Konflikte brechen auf, die sich erst legen, als sich Gewissheit über den positiven Ausgang der Reise einstellt. Heyerdahl, der bedingungslos an seinen Erfolg glaubt, hat kaum Zeit, sich mit den Problemen seiner Mannschaft zu befassen – eigentlich ein Todesurteil für jeden Kapitän. Zudem ist Heyerdahl nicht im Guten von seiner Ehefrau geschieden, die ihn nach der Reise verlassen hat – sie wollte ein Familienleben mit Ehemann und Kindern, doch Heyerdahl zog Abenteuer und Lebensgefahr vor.
„Kon-Tiki“ vereint all das in einem durchwegs stimmig inszenierten Abenteuer. Die Regie setzt in Bildsprache und Musikeinsatz aber sehr auf gängige Konventionen des Genres, heroisiert die Tapferkeit der Männer und erlaubt sich nur wenige kritische Zwischentöne, was den grundsätzlichen Leichtsinn der Mission angeht. Schade ist auch, dass es den beiden Regisseuren nicht gelingt, Heyerdahls glühende Leidenschaft für seine Expedition anschaulich genug zu transportieren: So bleibt „Kon-Tiki“ am Ende doch nur ein gut gefilmtes Action-Abenteuer ohne Herzblut.
Matthias Greuling
KON-TIKI
GB/D/N/DK 2012. Regie: Joachim Rønning, Espen Sandberg. Mit Pål Sverre Hagen, Anders Baasmo Christiansen, Jakob Ofterbro, Tobias Santelmann.
Ab 5.4. im Kino
Dieser Beitrag erschien zuerst in „Die Furche“
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