Valeria Golino mit Regiedebüt in Cannes

Bis Mitte der 90er Jahre gehörte sie zu den gefragtesten europäischen Schauspielerinnen im US-Kino: Valeria Golino, 46, spielte in Filmen wie „Rain Man“, „Hot Shots 2″ oder „Leaving Las Vegas“, ehe sich ihre Karriere wieder vermehrt in Europa abspielte. Jetzt hat die in Neapel aufgewachsene Tochter eines Italieners und einer Griechin ein neues Karriere-Kapitel aufgeschlagen und präsentierte in der Reihe „Un certain regard“ in Cannes ihr überaus gelungenes Regiedebüt „Miele“. Der Film, der um die „Camera d’Or“ für das beste Erstlingswerk konkurriert, wird auch in Österreich zu sehen sein, ein Verleih hat sich bereits gefunden.

Valeria Golino (l.) mit Jasmine Trinca. Foto: Festival de Cannes

„Miele“ erzählt von einer jungen Italienerin, die mit viel Demut und Nüchternheit einen belastenden und verbotenen Beruf ausübt: Irene (herausragend: Jasmine Trinca) gibt unheilbar Kranken Sterbehilfe. Mit einem Gift, das zum Einschläfern von Hunden dient, und das sorgfältig angerührt werden muss, damit es beim Menschen wirkt. Die Tragödie des freiwilligen Sterbens folgt dabei konkreten Regeln, die nicht gebrochen werden dürfen: Die Patienten müssen das Gift unbedingt selbst einnehmen, Angehörige dürfen es nicht verabreichen. Im Hintergrund läuft dabei jene Musik, die sich Irenes „Kunden“ wünschen.

Golino findet für das schwierige und anstößige Thema in „Miele“ genau die richtige Mischung aus Nähe und Distanz, wunderbar verkörpert von der kühlen und zugleich herzlich-emotional agierenden Jasmine Trinca. Es ist ein Regiedebüt von großer inszenatorischer Dichte, in dem die für viele italienische Produktionen typische Verkitschung der Gefühle ausbleibt. Nur am Ende setzt Golino dann doch noch einige Noten zu viel in dieser ansonsten so stimmigen Sinfonie über die scheinbare Diskrepanz zwischen Leiden und Lebenslust.

„Das Thema Sterbehilfe ist derzeit im Kino sehr gefragt“, sagt Golino. „In Frankreich und Italien wird es stark diskutiert, auch in den Filmen, und letztlich ist selbst Hanekes ‚Amour‘ ein Beitrag dazu“. Golino, die sowohl das Drehbuch verfasste als auch Regie führte, wollte selbst aber nicht im Film mitspielen. „Ich habe eine Zeit lang überlegt, ob ich eine Rolle für mich darin sehe. Aber ich habe mich dagegen entschieden, denn ich wollte voll auf den Job hinter der Kamera fokussieren“. Insgesamt vier Jahre bereitete Golino den Film vor, „weil es vor allem sehr schwer war, eine Finanzierung auf die Beine zu stellen“, sagt sie. Das liege auch am Thema. „Niemand will sich gerne mit dem Sterben konfrontieren, deshalb ließen viele Produzenten die Finger von dem Projekt. Aber es ist wichtig und auch die Aufgabe des Kinos, unangenehme Themen zu verhandeln“.
Matthias Greuling, Cannes

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