Cannes 2013: Finale mit Polanski und Jarmusch

Mit den außergewöhnlichen Arbeiten zweier arrivierter Filmkünstler ist am Samstag der Wettbewerb um die Goldene Palme von Cannes komplettiert worden. Jim Jarmuschs „Only Lovers Left Alive“ erwies sich als vielschichtige Vampir-Farce, während Roman Polanski mit „Venus in Fur“ eine simple, aber umso geschicktere Heirat aus Theater und Kino herstellt. Beiden Regisseuren merkt man an, dass sie mit ihrem Kino die Welt nicht (mehr) verändern wollen; sie machen sich fast schon einen Jux daraus, mit den Spielformen des Kinos jovial und durchaus auch trivial umzugehen.

Jim Jarmuschs „Only Lovers Left Alive“ kam als letzter Film in den Wettbewerb von Cannes, sozusagen eine Nachreichung – in einen Wettbewerb, der bis zuletzt auf den großen Wurf warten ließ, den man in Cannes eigentlich erwartet (und auch immer wieder zu sehen bekam). Dieses Jahr kam er nicht.
„Only Lovers Left Alive“ von Jim Jarmusch (Foto: Festival de Cannes)
Jarmusch, dessen Ruf als Ausnahmeerscheinung im US-Independentkino von lange zurückliegenden Filmen wie „Stranger than Paradise“, „Down by Law“ oder „Night on Earth“ herrührt, findet mit der skurrilen Geschichte um ein Vampir-Pärchen zu alter Hochform zurück. Zwischen Detroit und Tanger, wo Jarmusch die Handlung ansiedelt, sind der Untergrund-Musiker und Gitarrensammler Adam (Tom Hiddleston) und seine Frau Eve (Tilda Swinton) stets darauf bedacht, ihren Konsum von Menschenblut aus sauberen Krankenhaus-Blutkonserven zu stillen. Man lebt ja schließlich im 21. Jahrhundert, da beißen Vampire keine Menschen mehr zu Tode! Bis Ava (Mia Wasikowska), die junge Schwester von Eve, auftaucht, die sich über einen Freund der Vampire hermacht. „You drank Ian! Get out of my house“, tobt Adam. Familienzank auf Vampirisch.  
Jarmusch inszeniert einen überaus leisen und langsamen Film; nichts hier ist dem vermeintlich zugrunde liegenden (Sub-)Genre des Vampirfilms geschuldet, alles ist ihm diametral entgegengesetzt erzählt, und selten – schon gar nicht im verstaubten „Twilight“ – gab es lässigere Blutsauger. Jarmusch durchsetzt den Film mit unzähligen Anspielungen auf die Film-, TV- und Literaturgeschichte. Wenn Eva ins Flugzeug steigt – sie fliegt mit der „Air Lumière“ – dann nennt sie sich gerne Daisy Buchanan, eine schöne Anspielung auf „Der große Gatsby“. Und weil Vampire ja hunderte Jahre alt werden, gibt es hier sogar einen kurzen Auftritt von John Hurt in der Rolle von Christopher Marlowe, der auf Shakespeare schimpfen darf, weil sämtliche Stücke natürlich von ihm selbst stammten.
Jarmschus „Only Lovers Left Alive“ ist ein leidenschaftliches Traktat über das Außenseitertum; die Vampire sind Metaphern für Ausbrecher aus einer kurzsichtig agierenden Gesellschaft. Der Film will Weitblick, eröffnet ihn aber – auch in seiner musikalischen Untermalung mit etlichen Vinyl-Raritäten – wirklich nur engmaschig eingeweihten Kennern. Und er ist ein Jux, wie auch jener von Polanski.
„Venus in Fur“ von Roman Polanski (Foto: Festival de Cannes)
Polanski hat mit „Venus in Fur“ den überraschend launigen Schlusspunkt des sonst mediokren Wettbewerbs gesetzt. Es ist die Adaption von David Ives‘ Boulevard-Stück vom Broadway,  das wiederum auf Leopold von Sacher-Masochs „Venus im Pelz“ von 1870 basiert, das seinerzeit einen unglaublichen Skandal auslöste: Die Macht- und Unterwerfungsphantasien, die Masoch darin veröffentlichte, begründeten schließlich den Masochismus-Begriff.
Der Theaterregisseur Thomas (Mathieu Amalric) empfängt bei einem Casting widerwillig noch eine letzte Schauspielerin (Polanskis Ehefrau Emmanuelle Seigner), um eine selbst verfasste Adaption des Masoch-Buches für die Bühne zu besetzen. Bislang waren alle Kandidatinnen ungeeignet, doch Vanda scheint nicht nur durch ihre perfekte Kenntnis der Rolle wie geschaffen für den Part. In einer ständig zwischen Rollenauslotung und Inszenierung pendelnden Leseprobe lassen sich sowohl Amalric als auch Seigner mehr und mehr in die Figuren der beiden sexuell aufgeladenen Protagonisten fallen, und Vanda kitzelt peu-a-peu Thomas‘ wahre Phantasien aus ihm heraus; Mehr und mehr vermischen sich die Bühnenrollen mit den Persönlichkeiten ihrer beiden Darsteller, und bald wird das Bühnenstück selbst zur sexuellen Obsession. Polanskis Regieeinfälle dazu reichen von der akzentuiert eingesetzten Musik bis hin zur Lichtstimmung auf der Bühne, die Vanda zur Verblüffung von Thomas stets der geprobten Szene anpasst. Kaminfeuer inklusive.
In einer Szene spielt Polanski dann gar auf die gegen ihn erhobenen Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs an: Vanda macht Thomas des Vorwurf, seine Adaption handle von Kindesmissbrauch. Thomas verteidigt sich: „Ist denn heute alles gleich Kindesmissbrauch? Gibt es gar keine Zwischentöne mehr?“ Bei Polanski klingt das wie Ironie, aber auch wie ein Stück verschämte Selbstkritik.
Wie schon in „Der Gott des Gemetzels“ wahrt Polanski bei der Adaption dieses Stücks ebenfalls die Einheit von Zeit und Ort: Ein Film, der in Echtzeit über eine Pariser Theaterbühne geht; Man mag „Venus in Fur“ schon ab der allerersten Einstellung, in der eine Kamera zu einem Unwetter über einen leeren Pariser Boulevard schwebt, bis sie schließlich die Türen zum Theater aufstößt. Ab diesem Moment beginnt das raffinierte, temporeiche und mit glänzenden Dialogen ausstaffierte Verführungs- und Obsessionsspiel, das bei Polanski gar nicht theaterhaft, sondern überraschend filmisch aussieht.
Ob die Späße der Kino-Altmeister auch auszeichnungswürdig sind? Man wird sehen, wie Steven Spielberg und seine Jury am Sonntag Abend entscheiden werden. Emmanuelle Seigner ist im Wechsel zwischen Schauspielerin und Bühnenfigur allerdings derart souverän, dass man ihr den Darstellerinnen-Preis gönnen würde. Für Jarmusch müsste man einen eigenen Preis erfinden: Jenen für die wohlschmeckendste Blutkonserve.
Matthias Greuling, Cannes
Dieser Beitrag ist auch auf wienerzeitung.at erschienen.
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