VIDEO: Bernardo Bertolucci im Cannes-Interview

Er war der Regisseur von Skandalfilmen und Meisterwerken: Bernardo Bertolucci, 72, hat Filme wie „1900“, „Der letzte Tango in Paris“ oder „Prima della Revoluzione“ gedreht, und jetzt erscheint sein episches Drama „Der letzte Kaiser“ in einer neu gestalteten 3D-Fassung. In Cannes stellte Bertolucci den Film voller Enthusiasmus vor. Ein neues Projekt hat er auch schon im Kopf und im August wird er als Jury-Präsident beim Filmfestival von Venedig fungieren. Bertolucci, der seit einer misslungenen Rückenoperation im Rollstuhl sitzt, empfängt uns gut gelaunt zu einem kurzen Gespräch im Hotel Carlton in Cannes.
 
 
Herr Bertolucci, war es Ihre Idee, „Der letzte Kaiser“ als 3D-Version herauszubringen?
Bernardo Bertolucci: Nein, es waren die Produzenten, die auf mich zukamen. Aber ich bin ein großer Fan von 3D-Filmen. Ich wollte ja schon meinen letzten Film ‚Io e te‘ in 3D drehen, aber damals kam das Budget dafür nicht zustande. Außerdem improvisiere ich sehr gerne beim Drehen, und das lässt das 3D-Equipment einfach nicht zu. Es ist zu unflexibel, und jede Einstellung muss millimetergenau geplant werden. Aber ich bin überzeugt davon, dass 3D dem Kino wirklich etwas Neues bringt, wenn man es richtig einsetzt. Die Illusion von Tiefe kann eine weitere Erzählebene sein, die es bisher so nicht gab.
 
Sie haben am Wochenende der Cannes-Premiere von „Der letzte Kaiser 3D“ beigewohnt. Wie war das denn für Sie?
Es war toll zu sehen, dass der Film 25 Jahre nach seinem Entstehen wieder zurück auf die Leinwand kommt. An dem Abend, als der Film in Cannes in einem Zeltkino Premiere hatte, regnete es so stark, dass man die ganze Zeit über das Prasseln an der Saaldecke hören konnte. Das hat überraschend gut zu den dramatischen Momenten des Films gepasst. Wir waren dadurch beinahe schon in der vierten Dimension, man spürte den Film regelrecht.
 
Sind Filme wie „Der letzte Kaiser“ heute aus der Mode gekommen? Es gibt kaum noch Epen dieses Ausmaßes…
„Der letzte Kaiser“ war noch einer dieser großen, epischen Filme, bei denen es Massenszenen mit tausenden Statisten gab. Heute weiß man in Hollywood nicht mehr, wie man große Epen erzählt. Ein Produzent aus Amerika hat mir nach der Premiere gesagt: Ich mag den Film, weil er mich an die Gründe erinnert, weshalb ich überhaupt Filme machen wollte. Der Umstand, dass der Film heute als Klassiker gilt, macht mich sehr froh. Aber es macht mich natürlich auch ein bisschen älter (lacht).
 
Spüren Sie immer noch die Leidenschaft fürs Filmemachen?
Ja, ich fühle mich noch sehr jung, was meine Gedanken betrifft. Ich bereite ein neues Projekt vor, oder besser gesagt, ich forme gerade einige Ideen dafür zurecht. Seit ich nicht mehr gehen kann und auf den Rollstuhl angewiesen bin, sind neue Projekte allerdings schwieriger geworden. Anfangs konnte ich mit dieser Situation gar nicht umgehen, und dachte: Jetzt ist es vorbei. Jetzt wirst du nie mehr einen Film machen können. Man kann im Rollstuhl ja nicht wirklich durch die Kamera schauen. Erst, als ich meine Situation akzeptiert hatte, war ich in der Lage, „Io et te“ zu machen, der im Vorjahr erschienen ist.
 
Können Sie einen Film aus Ihrem Schaffen nennen, den Sie selbst besonders gerne sehen?
Ich schaue mir meine Filme niemals an. Wenn Sie mich über meine Filme fragen, kann ich nur aus der eigenen Erinnerung antworten. Manchmal kommt es vor, dass ich Filme verwechsle. Aber ich schaue sie nicht an. Ich würde nur die Fehler finden und außerdem finde ich es gut, wenn man eine gewisse Distanz zum eigenen Werk hat.

Welche Erinnerungen haben Sie noch an „Der letzte Tango in Paris“?
Der Film war 1972 ein Riesenskandal! Ich habe das nie verstanden. Ich wurde in Italien zu zwei Monaten Haft verurteilt. Das war für mich fast wie eine Auszeichnung! Aber die Zeiten damals waren anders. Ich selbst war manchmal meiner Zeit voraus, aber noch viel öfter hinkte ich der Zeit hinterher. Überhaupt heute, wo alles so schnelllebig geworden ist.

Im August werden Sie Jury-Präsident beim 70. Filmfestival von Venedig sein. Was reizt Sie daran?
Ich hoffe, dort viele neue Talente zu entdecken, die mir zeigen, was sie können. Es ist sehr schwierig, die heutige Zeit adäquat einzufangen und auf die Leinwand zu bringen. Deshalb freue ich mich so sehr auf diese Aufgabe und all die Filme. Und ich glaube nach wie vor an die Jugend. Nur sie kann unsere Welt verändern, davon bin ich überzeugt.
 
Interview: Matthias Greuling, Cannes
 
Dieser Beitrag ist auch auf wienerzeitung.at erschienen
 
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