SCHLAGERSTAR Marc Pircher: Schwiegersohn und Rampensau

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„SCHLAGERSTAR“ Marc Pircher ist der Mittelpunkt  der gleichnamigen Doku von Marco Antoniazzi und Gregor Stadlober über die Hintergründe des Feuerwerks der Gemütlichkeit in der Volksmusik. Mitschunkeln ist ausnahmsweise erlaubt.
„Zickezacke, zickezacke“, schreit Marc Pircher. Das Publikum skandiert zurück: „Hoi, hoi, hoi“. Dann setzt der Schlagerstar zu seinem bisher größten Hit an. „Sieben Sünden“, die Masse tobt. „Nummer eins: Erst mal will ich dich küssen“, singt Pircher, „Nummer zwei: Ich berühr deine Lippen. Nummer drei: In Gedanken will ich nicht nur tanzen“.
„Schlagerstar“ von Marco Antoniazzi und Gregor Stadlober. Foto: Mobilefilm
Die Hemdsärmel hat Pircher lässig aufgekrempelt. Der junge Mann, er ist 35, könnte auch als charmanter Vertreter von Staubsaugern arbeiten oder als Hotelmanager durchgehen. Aber Marc Pircher verdient sein Geld mit Schlagermusik. Trotz seines jungen Alters ist er bereits 20 Ja
hre im Geschäft, ein alter Hase sozusagen. Er spielte schon als Kind die Harmonika und hatte 1995 seinen ersten Auftritt im „Musikantenstadl“. Die Branche hat Pircher, den einstigen kleinen, putzigen Musikanten, zu einem Großverdiener gemacht, sie hat ihm in den zwei Jahrzehnten aber auch die Illusionen geraubt: „Zuerst kommt die Mafia, dann die Prostitution und gleich danach die Volksmusik“, sagt er einmal resignierend in Marco Antoniazzis und Gregor Stadlobers Dokumentarfilm „Schlagerstar“. Die beiden Filmemacher haben Pircher ein Jahr lang begleitet und ihm dabei zugesehen, wie er versucht, seinen Traum vom allseits geliebten Musik-Star zu leben.
„Für mich war es ein Sprung ins kalte Wasser, weil ich nicht wusste, wie die Sache ausgeht und ob ein objektiver Blick erhalten bleibt“, sagt Pircher im Gespräch mit dem Filmmagazin celluloid über seine Mitwirkung am Film. „Marco und Gregor hatten diesen Blick, weil sie die Vorurteile, die sie gegen die Volksmusikbranche hatten, ausgeblendet haben. Das gab mir die Möglichkeit, zu zeigen, dass in der volkstümlichen Musik nicht nur lauter Trotteln sind, sondern, dass dort wirklich hart gearbeitet wird. Wenn man da erfolgreich sein will, hat man einen Full-Time-Job“.

ÄRGERLICH 
Und man muss sich viel ärgern. Kein Wunder also, dass Marc Pircher sich zum Mafia-Prostitution-Volksmusik-Dreiklang hat hinreißen lassen. „Es hängt viel von den Leuten ab, mit denen man arbeitet. Es gibt Leute, mit denen man kann, und dann gibt es Leute, mit denen geht es nicht. Bei dieser Aussage hatte ich mich mal wieder über jemanden geärgert, mit dem ich nicht kann“, sagt Pircher.

Das Idyll, dass Pircher wie eine Hochglanzverpackung um sich herum aufgebaut hat, ist der zentrale Punkt in „Schlagerstar“. Selbst im Backstage-Bereich bei seinen Auftritten ist Pircher „der Marc“, den man anfassen kann, der die meisten seiner Fans beim Vornamen kennt und sich auch zu ihnen an den Stammtisch setzt. Das ist die Imagepflege des erfolgreichen, naturverbundenen Tiroler Burschen, der so natürlich rüberkommt, als wäre er seit 20 Jahren dein Nachbar. Wahrscheinlich stimmt das auch in gewisser Weise: Denn abgesehen von den zahllosen Meet-and-Greets mit Händeschütteln und Fotomachen und den Auftritten in den Stammlokalen seiner Fanclubs ist Marc Pircher ein ständiger Begleiter vieler Fans: Daheim rotieren seine CDs oft im Powerplay.
Antoniazzi und Stadlober haben dieses Dasein als ewige Rampensau mit einer großen Demut vor der Arbeit eingefangen. Zugleich ist die Rampensau in der Projektion der Fans auch der ideale Schwiegersohn, die heiße Affäre, der zuverlässige Partner, der immer fröhliche Stimmungsmacher. Marc Pircher vereint all diese Funktionen in sich, und er trägt diese Last mit großer Energie. Immer auf Achse, ein sich selbst erhaltendes Atomkraftwerk mit zu heißen Brennstäben. Ein Perpetuum mobile, das als Produkt sich selbst verkauft.
„Schlagerstar“ ist mit dem Rastlosen nicht nur auf den Bühnen des Landes unterwegs, sondern auch vor den Auftritten, bei Besprechungen von Choreografien, im Tonstudio beim Einsingen seines Hits „Ich schwör“, beim Durchhören und Abändern der neu aufgenommenen CD, bei Autogrammstunden und Fototerminen. Es ist eine heile Welt, die Pircher verkauft, und er glaubt letztlich selbst an sie, sonst wäre das unmöglich.
Das Kunststück dieses sehr aufschlussreichen Dokumentarfilms ist, die vielfach belächelte Volksmusik-Szene zu durchleuchten, ohne sich über sie lustig zu machen. Mit großer Ernsthaftigkeit lassen die Filmemacher ihren Protagonisten genug Raum; die sorgen ganz von selbst dafür, dass man die vermeintliche Lächerlichkeit ihrer Lieder und Texte richtig einordnet: Nicht das künstlerische Niveau zählt hier, sondern die geschickte Suggestion vom Heimatbegriff, von Geborgenheit und Tradition. Mit nichts anderem verdienen derzeit auch die wie Pilze aus dem Boden sprießenden Brauchtumsmagazine à la „Servus“ ihr Geld. Die Menschen haben ein Bedürfnis nach Werten, nach Zielen, nach Richtung im Leben. Die Volksmusik gibt sie ihnen, weil sie nicht nach draußen schielt, in die weite Welt, sondern ausschließlich aus dem Eigenen, dem Ursprünglichen schöpft.
Marc Pircher hat das verstanden: „Wenn ich über meine Heimat Tirol singe, dann schwingt da ein kritischer Ton mit. Ich halte mich zwar politisch raus, weil mir die politische Farbe egal ist. Aber mir ist schon wichtig, dass meine Heimat Tirol so bleiben kann, wie sie ist. Und das möchte ich transportieren in meinen kritischen Liedern“, sagt er.

HARTER WETTKAMPF 
Er ist damit aber nicht allein: „Schlagerstar“ thematisiert am Rande auch den starken Wettbewerb in der Branche, zeigt, wie die Allmacht des ORF auch bestimmt, wer im Hauptabend auftreten kann und wer nicht. Ein heiß umkämpftes Feld: „Auch die Stars der Branche müssen darum kämpfen, in solchen Sendungen dabei zu sein“, sagt Pircher. „Es gibt ja immer mehr Gruppen, und immer weniger Plattformen, wo sie auftreten können. Nicht der, der am schönsten singt, kommt in die Sendungen, sondern der, der am schnellsten ist und die klügere Taktik hat“. Hier spricht der Geschäftsmann. Eine neue CD ist zum Filmstart am 31. Mai ebenfalls fertig. Für Pircher sozusagen das Rückgrat seiner Karriere: „Ohne Auftritte ist es nie gegangen. Mit Auftritten verdient man das zehnfache von einem CD-Umsatz, und zwar in kurzer Zeit. Die CD ist aber das wichtigste Marketingtool, das Aufmerksamkeit auf neue Nummern lenkt, damit man damit später wieder auf eine Tournee gehen kann. Niemand würde dich buchen, wenn du fünf Jahre lang nur die gleichen Lieder singst“.

„Schlagerstar“ zeigt, dass Marc Pircher dieses Geschäft verinnerlicht hat: 200 Mal pro Jahr steht er auf der Bühne. Seine eigenen Shows dauern selten kürzer als drei Stunden und hinterlassen eine Fangemeinde im Ausnahmezustand. Und insgeheim wippen die Füße auch im Kino mit, wenn Pircher zum wiederholten Male seinen Croud Pleaser „Anna Lena“ intoniert. Der Branchenexperte Peter Draxl von Universal Music Austria bringt es auf den Punkt: „Ab Mitternacht und ab einem Promill funktioniert das, egal, ob einer tagsüber FM4 hört oder nicht“. „Zickezacke, zickezacke“.
Wie breitenwirksam die Harmonika-Barden selbst unter anspruchsvollen Kinogängern sind, zeigte sich auch bei der diesjährigen Diagonale: Dort gewann „Schlagerstar“ den Publikumspreis, an dem mutmaßlich auch die Ohrwürmer des Musikanten schuld sind. „Hoi, hoi, hoi“.

Matthias Greuling

SCHLAGERSTAR – ab 30.5.2013 im Kino
Ö 2013. Regie: Marco Antoniazzi, Gregor Stadlober. Mit Marc Pircher
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