THE GRANDMASTER von Wong Kar-wai: In the Mood to Fight

FLOP
Zu Anfang strömender Regen. Hohe Kontraste. Schwarze, weiße, graue Bilder, ein Kampf. Im Mittelpunkt ein Mann mit weißem Strohhut, der sich gegen eine Armada an Kung-Fu-Kämpfern zur Wehr setzt. Großaufnahmen, Schläge, Wiederholungen, Schläge, Zeitlupe, Schläge, Wassertropfen, Schläge. Wong Kar-wai gibt gleich in der ersten Szene seines Films „The Grandmaster“ die Richtung vor: Was kommt, ist nichts weiter als das Zelebrieren asiatischer Kampfkunst – all das sieht wunderbar schön aus, und auch wunderbar leer. Es endet in einem Potpourri visueller Großleistungen ohne Esprit und ohne erzählerischer Relevanz.
„The Grandmaster“ von Wong Kar-wai. Foto: Thimfilm
„The Grandmaster“ präsentiert sich als ein Mix aus Abenteuer, Historie, Kinomagie und Heldentum, kann davon aber nichts überzeugend einlösen. 20 Monate innerhalb von drei Jahren hat der Filmemacher aus Hongkong benötigt, um die Geschichte zweier chinesischer Kung-Fu-Meister, namentlich Ip Man (Tony Leung) und Gong Er (Zhang Ziyi), in Szene zu setzen, deren Wege sich 1936 am Vorabend der japanischen Invasion, kreuzen. „The Grandmaster“ ist ein 120-minütiger Kampfsportunterricht quer durch die Vielfalt fernöstlicher Körperverrenkungen – mehr aber auch nicht. Zwar fotografiert Wong Kar-wai die Kampfhandlungen in atemberaubenden Bildern, aber diese immerzu brillante visuelle Umsetzung generiert bald auch Langeweile. Könnte man die Einzelbilder dieses Films großformatig ausdrucken, sie ergäben eine wunderbar farbenprächtige Tapete aus Kampf- und Selbstbeherrschungsmotiven, allesamt gehüllt in eine schwerfällig wirkende Textur.
Dass das Ergebnis dieser zeitintensiven Filmarbeit zwar als opulenter, poetischer Martial-Art-Film durchgeht, sich aber zu Gunsten der Kämpferei niemals wirklich auf seine Handlung rund um Kriegswirren, Täuschung, Anerkennung und Liebe einlässt, macht den Film zu einer langatmigen Studie über die Kunst der Körperbeherrschung. Wong Kar-wai aber geht es ohnehin nicht um das erzählen einer poetischen Geschichte, wie er das in seinen Filmen „In the Mood for Love“ oder meinetwegen auch „My Blueberry Nights“ getan hat. Vielmehr arbeitet er sich an den gesellschaftlichen, kulturellen Werten dieser Kampfsportart ab, um zu zeigen, dass der Kampf und die damit einhergehende Disziplin für viele Menschen nicht nur Lebensinhalt, sondern auch Passion ist.
In China mag „The Grandmaster“ womöglich anders rezipiert werden, denn die Hauptfigur Ip Man, der Lehrer von Bruce Lee, ist dort eine Legende. Zuschauern mit wenig Kenntnissen dieser historischen Figur verstehen die Zusammenhänge nicht wirklich. Ip Man war der Großmeister des Wing Chun, einer chinesischen Kampfkunst, die er auch gelehrt hat, und die bis weit über seinen Tod 1972 hinaus von ihm geprägt blieb.
Zu unkonkret bleibt dieses Bio-Pic dann schließlich in seiner Ausformung, weil Wong Kar-wai lieber Verweise in alle Richtungen anstellt, anstatt seine Erzählung zu konkretisieren. Dennoch ist „The Grandmaster“ für Wong Kar-wai ein auffallend geradlinig erzählter Film, der mit extremer Zeitdehnung arbeitet; Ein Stilmittel, mit dem Wong in vielen seiner Filme arbeitet, das sich hier aber leider bloß in warmfarbenen Schauwerten erschöpft.
Matthias Greuling
THE GRANDMASTER – ab 28.06. im Kino
HK/CHINA 2012. Regie: Wong Kar-wai. Mit Tony Leung, Zhang Ziyi
Dieser Beitrag ist auch in der Wiener Zeitung erschienen.
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