Locarno 2013: Kein neuer Weg trotz neuem Chef

Carlo Chatrian (Foto: Festival Locarno)
Vieles, was ein Festival auszeichnet, steht und fällt mit seinem künstlerischen Leiter. Carlo Chatrian ist ein neuer Name auf der recht engen Bühne der internationalen Filmfestivals. Er leitet seit kurzem das Filmfestival von Locarno, das heute Abend mit der US-Actionkomödie „2 Guns“(mit Denzel Washington und Mark Wahlberg) eröffnet wird. Sein Vorgänger Olivier Père hat es nach drei Jahren im Tessin zu Arte France Cinema gezogen; Père hatte Locarno in seiner kurzen Amtszeit viel Glamour beschert – seine exzellenten Kontakte in Hollywood-Kreisen brachten große Namen wie Daniel Craigoder Harrison Ford hierher. Das ist fürs Erste vorbei: Chatrian ist keiner, der das Kino als Spielstätte des Glamours begreift; lange Jahre schon ist der 42-jährige Italiener Mitarbeiter und Kurator in Locarno. Er gestaltete bisher die Retrospektiven, saß im Filmauswahlkomitee und ist als Filmkritiker, Journalist, Essayist, Buchautor und Programmierer zahlreicher weiterer Filmschauen tätig. Ein Mann, der aus der Filmtheorie kommt, kein Praktiker, sondern einer, der gerne von Vielfalt im Diskurs über das Filmschaffen spricht. Es geht ihm um „die vielgestaltigen Realitäten des Filmschaffens“, nicht um die Quote, nicht um Aufreger, sondern um „Impulse, die dazu anregen, die Welt zu entdecken“, durch die Augen der Filmkamera.
Soweit die Theorie. Chatrian hat potenziellen Skeptikern schon im Vorfeld den Wind aus den Segeln genommen: Allzu viele Weichenstellungen werde es nicht geben, im Wesentlichen bliebe Locarno eine Filmschau der Entdeckungen und Überraschungen, nur das mit den Stars, das ist Chatrians Sache nicht. Hollywood bleibt in diesem Jahr zuhause,  mit den Alt-Stars Christopher Lee, Jacqueline Bisset  und Faye Dunaway kommen aber doch prominente Namen nach Locarno. Auf der Piazza Grande mit ihrem 8000 Zuschauer fassenden Open-Air-Kino bringt man traditionell die populäreren Filme, darunter die belgisch-deutsche Komödie „Vijay and I“ mit Moritz Bleibtreu, die Jennifer-Aniston-Komödie „We Are the Millers“ oder „Wrong Cops“ mit Marilyn Manson. Brisant dürfte „L’éxperience Blocher“ sein, eine Doku, die den umstrittenen Schweizer Rechts-Politiker Christoph Blocher begleitet. Blocher, sonst kein Fan des Festivals, soll sich zur Premiere des Films am 13. August persönlich angesagt haben.
Im Wettbewerb stehen dieses Jahr 20 Filme aus dem zeitgenössischen Autorenkino, mit neuen Arbeiten von Emmanuel Mouret, Sangsoo Hong, Shinji Aoyama, Thomas Imbach oder Claire Simon. Die Verfilmung von Charlotte Roches „Skandalbuch“ „Feuchtgebiete“ (Regie: David Wnendt) hat es wohl vor allem deshalb in den Wettbewerb geschafft, weil Hauptdarstellerin Carla Juri eine gebürtige Tessinerin ist. Das Thema des Films – von Hämorrhoiden über Analfissuren bis zu ausgefallenen Sexualpraktiken – ist wie geschaffen für einen Aufreger: So ganz an der Quote vorbei kann selbst Carlo Chatrian nicht.
Matthias Greuling
Dieser Beitrag ist in einer ausführlicheren Version auch in der „Wiener Zeitung“ erschienen.
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