Venedig ist kein Griff ins Klo

Wer glaubt, Venedig wäre als dienstältestes Filmfestival der Welt (es begeht dieses Jahr seine 70. Ausgabe) um Jubelstimmung versucht, der irrt. Am Lido von Venedig gibt es keine Feuerwerke, keine Bankette, keine rauschenden Feste und auch keine übertriebene Beflaggung. Stattdessen übt man sich in Understatement – um es mal positiv auszudrücken. Niemand hier scheint das Jubiläum wirklich ernst zu nehmen; die Asbest-Grube vor dem Casino, an der ein neuer Palazzo del Cinema hätte entstehen sollen, klafft auch drei Jahre nach dem Aushub unverändert, das Interesse der internationalen Medien schwindet (auch wegen Toronto) zusehends und die venezianische Stadtpolitik tut so, als ginge sie ihr Aushängeschild in Sachen Filmkunst nichts an: Touristenströme am Markusplatz und vollgestopfte Busse zu den Stränden am Lido sind einträglicher als das Kunstkino der Mostra del cinema.

Allein: Alberto Barbera, dieser adrette Herr, der die Mostra seit zwei Jahren leitet, hat inmitten des unspektakulärer werdenden Settings seiner Filmschau einen ansehnlichen Wettbewerb zusammengetragen, der sich wahrhaft sehen lassen konnte. Denn dass die (infra-)stukturellen Schwächen des Festivals sich normalerweise auch im Programm niederschlagen, trifft diesmal zumindest nicht zu.

„La Jalousie“ von Philippe Garrel (Foto: La Biennale di Venezia)

Das hat auch damit zu tun, dass Barbera nicht auf Effekthascherei bei Filmen setzt und somit relativ leicht jeden Griff ins Klo vermeiden konnte. Im Gegenteil: Auch als spröde bekannte Filmemacher zeigen hier neue Werke voller Anmut, voller neuer Ideen, oder zumindest voller dramaturgischer Reife. Philippe Garrel zum Beispiel. Der hat mit „La jalousie“ (Die Eifersucht) ein zwar kurzes, aber famoses Schwarz-weiß-Abstrakt über das (Miss-)Trauen in der Liebe gedreht, das ebenso unspröde wie geerdet daherkommt: Garrels Sohn Louis spielt einen Kindsvater, dessen neue Freundin ihn betrügt, auch, weil sie selbst ihrer rasenden Eifersucht ihm gegenüber Luft machen will. Es ist ein französischer Film, wie er im Lehrbuch stehen könnte, mit Beziehungsgesprächen in der Küche, mit langen Einstellungen, mit intensiven Blicken und mit unprätentiösen Pariser Stadtansichten. Und doch fern jeder Konvention: „La jalousie“ erinnert über weite Strecken an die Filme der Nouvelle Vague, nicht an den sich danach daraus gebildeten Stil französischer Beziehungsdramen. Garrel ist visuell und dramaturgisch radikaler, das macht den Reiz dieser großen Arbeit aus.
Ambivalent mag man zu einer Arbeit stehen, die hier im Wettbewerb als Dokumentarfilm angekündigt war, sich vorderhand aber schnell wie US-Propaganda ausnimmt. „The Unknown Known“ von Errol Morris gibt einem der umstrittensten Kriegsherren unserer Tage breiten Raum zur Selbstglorifizierung: Donald Rumsfeld darf darin beinahe unkommentiert erläutern, warum Bush nach 9/11 den Planeten in Kriege und Chaos stürzte, sei es in Afghanistan oder im Irak, und wieso das alles genau so richtig war; Rumsfeld war (gemeinsam mit Dick Cheney) der Strippenzieher hinter Bush, der die Pläne ausheckte. Bald schon steht er als Mastermind einer US-Weltmachtsfantasie da, die er mit seinem sympathischen Auftreten und seinem telegenen Aussehen wie selbstverständlich weglächelt. Und doch ist diese „Doku“ bei genauerem Hinsehen raffiniert durchtrieben: Genau deshalb, weil sie scheinbar nicht die „richtigen“ Fragen stellt, animiert sie den Zuschauer zu innerer Gegenwehr; Rumsfeld liefert sich selbst mehr und mehr aus, ohne es zu merken; er verbleibt in seinem Duktus des charmanten, aber uneinsichtigen Showman, der – ganz amerikanisch – nie gelernt hat, selbstrefelxiv oder gar selbstkritisch zu sein, und der am Ende bei aufmerksamen Zusehern über diese Überheblichkeit stolpert.
„The Unknown Known“ von Errol Morris. (Foto: La Biennale di Venezia)
Formal hoch interessant ist die Arbeit „Die Frau des Polizisten“ des deutschen Regisseurs Philip Gröning. Er verhandelt in 59 Einzelkapiteln und drei Stunden Spielzeit das Schicksal einer Ehefrau und dessen Auswirkungen auf ihre Familie. Die Kapitel sind von unterschiedlicher Länge, machen davon bloße Miniaturen ohne offensichtlichen Sinn, aber zusammen verdichten sie sich zu einem erschreckend detailreichen Bild von häuslicher Gewalt: Die Familie – ein Mann, seine Frau, ein gemeinsames Kind -, die hier im Zentrum steht, gibt nur langsam preis, wie es um sie bestellt ist; wie im echten Leben eben auch, wenn man hinter die Fassaden jahrelang als Vorzeigepaare wahrgenommener Mitmenschen blicken kann.

Auch „Sacro GRA“ von Gianfranco Rosi, ein Dokumentarfilm über die Anwohner der römischen Ringstraße – ein Leben an der Autobahn – überzeugte im Wettbewerb. Die Doku findet allerlei Lebensrealität, die man vom italienischen Kino kaum mehr gewöhnt ist: Dort ist oft alles schrill, laut, opulent und betont lebensbejahend; doch das Land steckt in einer Krise, und das fängt Rosi mit seiner Kamera – bewusst oder unbewusst – mit ein: Ein Kaleidoskop der Befindlichkeiten einer Nation, die es sich eigentlich nicht mehr leisten kann, mit stolz geschwellter Brust ihren Patriotismus zur Schau zu stellen. Die große Asbest-Grube vor dem Casino am Lido ist nur ein Grund dafür.

Matthias Greuling, Venedig

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