Robert Tarantino ist der leidenschaftlichere Tarantino


„Heast Dracula, du Oaschkretzn, du g’schissene – wos is – du bist mei’ Todfeind!“ Wenn Robert Tarantino solche Dialogzeilen inszeniert, dann funkeln seine Augen. Mit seiner kleinen Handycam steht er dann da und kann sich vor Begeisterung gar nicht mehr einkriegen. Robert Tarantino ist ein Wiener Splatter-Regisseur; er heißt im zivilen Leben eigentlich Wolfgang Peter Hell, 36, und in seiner zweiten Berufung als Musiker nennt er sich Wolf Morrison und tingelt durch etliche Wiener Clubs.
„Robert Tarantino“ von Houchang Allahyari (Foto: Stadtkino)
Robert Tarantino, ein Künstlername, setzt sich aus ROBERT Rodriguez und Quentin TARANTINO zusammen – der Wiener Trash-Filmer ist bekennender Fan der beiden Regisseure, und er versucht es ihnen in punkto Kultstatus gleichzutun: Seine No-Budget-Filme heißen etwa „Wild Rebel“ oder „Vampires in Vienna“, und sie haben selten ein höheres Budget als 100 Euro. Das geht beim Kauf von MiniDV-Kassetten oder Kunstblut drauf. Den Rest macht Tarantino selbst: Regie, Kamera, Schnitt, Hauptdarsteller. Er ist der „Rebel without a crew“. Hinzu gesellen sich mutige, spaßige, kumpelhafte Gesellen, die sich auf das Abenteuer einlassen, mit Robert Tarantino einen Film zu drehen. In der Internet Movie Data Base (www.imdb.com) ist sein Eintrag umfangreich; registrierte Nutzer können diese Einträge selbst bearbeiten – und das eher durchwachsene Englisch in seinem Biografie-Eintrag lässt darauf schließen, dass Robert Tarantino hier selbst Hand angelegt hat. Immerhin: der in Melk geborene Filmer ist jetzt das Zentrum eines Films geworden: Eines Films, ganz allein über ihn.
Houchang Allahyari folgt dem Wiener Underground-Filmer in seinem neuen Dokumentarfilm „Robert Tarantino“ beim Dreh von dessen neuestem Werk „Blood City Massacre“. Alles hier ordnet sich den großen Vorbildern des Wieners unter – von der Vorbereitung bis zum Dreh, von der Dialoggestaltung bis zum schlecht gesprochenen Englisch. Am Ende sind Robert Tarantinos Werke voller hanebüchener Handlungsfetzen, Anschlussfehler, Schauspieler-Katastrophen und optischer Reinfälle – und gerade deshalb ist sein unbändiger Wille, im Geschäft ernst genommen zu werden, so unglaublich mitreißend.
Allahyari wahrt zu seinem Protagonisten keine Distanz: Er zeigt auch, wie der Mensch hinter der Maske lebt: Wolfgang hat schon vor Jahren seinen Beruf aufgegeben, um sich ganz seiner Filmer- und Musikerleidenschaft zu widmen. Außerdem ist er in eine seiner Laiendarstellerinnen verliebt: Marie hat es ihm angetan, erwidert seine Avancen in den Drehpausen aber nicht. Mit den eigenen Eltern ist Wolfgang auch nicht im Reinen: Sie verstehen seine Leidenschaft nicht, und Wolfgang arbeitet das in seinen Filmen auf, als Ersatztherapie.
Wie so oft hat Houchang Allahyari in seinem sensibel und doch sehr unverblümten Porträt den richtigen Ton getroffen; er führt seinen Protagonisten niemals vor, sondern transportiert die Leidenschaft, mit der Robert Tarantino für seine Berufung existiert. Auch, wenn „Robert Tarantino“ lediglich einen fanatischen Filmfan bei der ungelenken Ausübung seines Lebenstraums begleitet, so ist diese Doku doch einer der bemerkenswertesten Filme über das Filmemachen an sich: Sie zeigt, dass am Ende niemand sonst bestimmen kann, was ein Film ist, außer der Zuschauer selbst.
Matthias Greuling
ROBERT TARANTINO
Ö 2013. Regie: Houchang Allahyari. Jetzt im Kino
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