SARA FORESTIER im Viennale-Interview / SUZANNE / MES SÉANCES DE LUTTE

Mit gleich zwei Filmen ist der französische Jungstar Sara Forestier, 26, heuer im Programm der Viennale vertreten: In „Suzanne“ von Katell Quillévéré ist sie als eine junge Frau zu sehen, die zwischen der Geborgenheit in ihrer liebevollen Familie und Freiheitsdrang pendelt. Eine Rolle, wie gemacht für Forestiers stets zwischen frech und liebenswürdig pendelnden Schauspiel-Stil, der sie im Alter von 15 in Abdellatif Kechiches Vorstadt-Drama „L’esquive“ schlagartig bekannt machte. Der zweite Film im Viennale-Line up ist „Mes séances de lutte“ von Jacques Doillon. Ein junges, namenloses Paar liebt und schlägt sich den Film hindurch, es verzehrt sich vor Leidenschaft und entbrennt in wüste Streitigkeiten. Im Hintergrund schwelen seelische Zerrüttungen und der Wunsch, ihnen ein Ventil zu geben. Forestier spielt in diesem von expliziter Körperlichkeit bestimmten Film besonders intensiv; eine Eigenschaft, die oft gewagte Rollen einbringt. Ich traf Sara Forestier in Cannes zum Interview.

Mit Sara Forestier in Cannes. (Foto: Greuling)

Frau Forestier, in „Suzanne“ spiele ich eine Figur, die sich durch eine große Absenz kennzeichnet. Sie steht etwas neben sich.
SARA FORESTIER:
Suzanne kann ihr Leben nicht wirklich auf die Reihe kriegen und lebt in einem geistig sehr melancholischen Zustand. Sie wartet auf etwas, das kann man in ihren Augen sehen. Sie wartet darauf, dass etwas kommt, das ihre Leere füllt. Als Schauspieler ist es unsere Aufgabe, sich in die jeweilige Figur hineinzudenken und dann diese Figur zu sein. Dann braucht die Kamera das nur mehr aufzuzeichnen. Der besondere Spaß an der Rolle in „Suzanne“ war, dass man sie in verschiedenen Alterstufen verfolgt und ich daher verschiedene Phasen ihrer femininen Entwicklung spielen musste. Als Teenager weint sie ganz anders als mit 30. Darin sieht man eine Entwicklung.

„Suzanne“ dreht sich um die beiden Pole Familie und Freiheit, zwischen denen durchaus ein großer Widerspruch liegen kann.

Eine Familie formt dich, und zwar zu einem großen Teil. Sie bestimmt, wer du später einmal sein wirst. Familien geben einem ein Band, und wenn jemand aus der Familie leidet, dann leidet die ganze Familie. Das ist ein beinahe schon animalischer Aspekt dieser Form des Zusammenlebens, der mir sehr gefällt.

„Mes séances de lutte“ ist ein sehr physischer Film. Der exzessive Einsatz von Körpersprache ist essentiell. Sie scheinen sehr gerne physische Figuren zu spielen. Wieviel Freiheit in der Ausgestaltung nehmen Sie sich, und wieviel steht im Drehbuch?

Nicht alles steht im Drehbuch. Ich denke lange über Figuren und die Struktur des Drehbuchs nach, dafür nehme ich mir sehr viel Zeit. Die Vorbereitung auf einen Film ist der wichtigste Teil für mich, denn da muss ich die Geschichte und die Figur kennen- und verstehen lernen. Man muss auf die Wellen aufspringen, die einem das Drehbuch bietet, denn tut man das nicht, versaut man den Film.

Wie konkret sieht eine Rollenvorbereitung bei Ihnen aus?
Je näher die Dreharbeiten rücken, desto tiefer tauche ich in meine Figuren ein: Ich probe dann schon im richtigen Kostüm, mit dem richtigen Make-up und der richtigen Frisur. Das hilft mir, in die Figur hineinzuwachsen. Ich habe einen sehr physischen Zugang zum Schauspiel. Wenn ich drehe, geht es eigentlich nur mehr um die richtigen Bewegungen vor der Kamera, denn alles andere habe ich verinnerlicht. Die Kleidung spielt für mich dabei fast die wichtigste Rolle: Denn sie bestimmt, wie sich eine Figur gibt, bewegt und fühlt. Und sie bringt dich dazu, deine Figur selbst glaubhaft zu finden. Denn das ist wichtig: Ich muss immer glauben, dass das, was ich vor der Kamera tue, der Wahrheit entspricht.

In Frankreich gehören Sie zu den bekanntesten jungen Schauspielerinnen. Wo sehen Sie Ihren Platz im Filmgeschäft?
Nur, weil ich ein paar Filme gedreht habe, die mich sehr bekannt gemacht haben in Frankreich, heißt das noch lange nicht, dass meine Selbstzweifel verschwunden sind. Es ist toll, wenn einen die Leute als Schauspielerin ernst nehmen. Aber die Beziehung zwischen mir und meiner Kunst ist ein sehr intimer Vorgang. Wenn ich zweifle, dann zweifle ich, egal, was die anderen sagen.

Ist der Zweifel vielleicht auch eine der wichtigsten Zustände für einen Schauspieler?
Ich glaube, dass die Leidenschaft und das Verlangen in meinem Beruf wichtiger sind als der Zweifel. Natürlich ist Zweifel wichtig, und man kann ihn auch nicht verhindern. Manchmal kann das ganz schön an einem nagen. Manchmal denke ich, was für eine beschissene Schauspielerin ich bin und dass ich den Beruf lieber aufgeben sollte. Doch wenn man wie ich eine ausgeprägte Leidenschaft für diesen Beruf hat, dann hilft einem das aus jedem Tief heraus.

Sie geben in Ihren Rollen gerne viel von sich preis: Auch der Einsatz ihres Körpers in expliziten Sexszenen wie bei „Mes séances de lutte“ scheint sie nicht zu stören.

Wenn mich ein Projekt begeistert, dann fühle ich eine solche Euphorie bei der Arbeit, dass ich zu allem bereit bin für eine Rolle. Wenn ich merke, ich kann etwas zum Gelingen beitragen, das macht mich sehr glücklich.

Mit „L’esquive“ von Kechiche schafften Sie Ihren großen Durchbruch. Welche Erinnerungen haben Sie an den Film?
Der Film hat mein Leben verändert. Danach gab es für mich keine Pause mehr in meinem Job. Damals wurde das Schauspielen zu meinem Job. Kechiche ist ein unglaublicher Künstler, speziell für die Schauspieler. Er ist ein Genie, und dieses Wort gebrauche ich nicht sehr oft. Ich hatte damals, mit 15, verdammtes Glück, dass er mich besetzt hat. Von ihm habe ich gelernt, was wirkliches Schauspielen bedeutet und dass man davor keine Angst zu haben braucht. Kechiche konnte eine Szene zehn Mal hintereinander drehen, und trotzdem hat keiner von uns seine Spontaneität verloren. Das ist wie am Theater, wo man jeden Abend eine frische Vitalität finden kann, wenn man hochkonzentriert arbeitet. Das hat mir Kechiche beigebracht.

Haben Sie Vorbilder, in deren Fußstapfen Sie gerne treten würden?
Ja, aber damit bin ich vorsichtig: Wer in die Fußstapfen anderer tritt, hinterlässt selbst keine Spuren.

Interview: Matthias Greuling

„Suzanne“:
27.10., 15.00, Gartenbau
4.11., 21.00, Urania

„Mes séances de lutte“:
2.11., 21.00, Urania
3.11., 11.00, Metro

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