Der Teufelsgeiger: David Garrett scheitert an Paganini

FLOP
Als Niccoló Paganini in den 20er und 30er Jahren des 19. Jahrhunderts zum gefeierten Geigen-Virtuosen aufstieg, der nicht nur durch sein unfassbares Können, sondern auch durch sein extravagantes Äußeres auffiel, gab es Begriffe wie „Showbusiness“, „Marketing“ oder „Crossover“ noch nicht. Sie sind Wörter aus einer globalisierten Unterhaltungsindustrie, die man heute auf jemanden wie David Garrett anwenden könnte; Garrett, einer der großen Namen der Klassikszene, der auch vor anderen musikalischen Genres nicht zurückschreckt, ist dank seiner Virtuosität ein Ein-Mann-Unternehmen mit hochprofitablem Konzept: Ein Frauenschwarm, der mit Musik begeistert, ja verzaubert. Garrett nutzt diese Popularität geschickt, wenn er neue Alben aufnimmt oder auf Konzerttourneen spielt. Seine Kritiker bezeichnen ihn dagegen auch mal als den „David Hasselhoff der Klassik“.
„Der Teufelsgeiger“ (Foto: Filmladen)
Weil Paganini und Garrett gleichermaßen diesen Status in der interessierten Öffentlichkeit genießen, war es für Bernard Rose wohl nahe liegend, Garrett in der Rolle von Paganini zu besetzten. Der Regisseur erzählt in „Der Teufelsgeiger“, wie Niccoló Paganini, dieser berühmte Geiger, die Massen elektrisierte, wie er Nacht für Nacht neue Gespielinnen fürs Bett mit nach Hause brachte oder wie er sein leicht verdientes Geld im Spielkasino verzockte – kompromisslos bis zum letzten Cent. Kompromisslos, wie auch in seiner Musik.
Paganini reist für ein Konzert nach London. Sein Manager Urbani (Jared Harris) hat alles organisiert, und das Geld dafür stammt vom musikvernarrten Paar John Watson (Christina McKay) und Elisabeth Wells (Veronica Ferres), die ihr gesamtes Vermögen riskieren, um Paganini zu holen, doch die Londoner sind gegenüber dem hochnäsigen Maestro zunächst skeptisch.
„Der Teufelsgeiger“ (Foto: Filmladen)
Nun ist David Garrett womöglich ein grandioser Maestro an der Geige, aber ein Schauspieler ist er nicht. Das ist zugleich das größte Manko und das größte Plus an „Der Teufelsgeiger“. Garrett gestikuliert viel zu wild, rudert mit den Armen, wirft sie sich an den Kopf, als müsste er für einen 10-Sekunden-Spot Durchfalltabletten verkaufen. Seine Notwendigkeit zur maßlosen darstellerischen Übertreibung, die „Der Teufelsgeiger“ etliche lächerliche, ja auch lachhafte Momente beschert, ist andererseits ein guter Nährboden für die musikalischen Szenen des Bio-Pics. Garrett selbst hat Paganinis Musik völlig neu arrangiert, hat mit dem Orchester während des Drehs alles live eingespielt und zeigt unglaubliche Präzision in seinem Spiel auf der damaligen Epoche angepassten Instrumenten. So magisch-verführerisch sein Geigenspiel als Paganini ist, so unterirdisch steht dem sein Schauspiel gegenüber. Dass die Beziehung zwischen Paganini und seinem Manager Urbani noch dazu als perfider und traniger Teufelspakt inszeniert ist, verstärkt den Eindruck nur, „Der Teufelsgeiger“ wäre mehr Karikatur denn Bio-Pic. In seinem Geigenspiel aber lässt Garrett erahnen, wie sehr sich Paganini als „Popstar“ gefühlt haben muss, ohne das Wort überhaupt zu kennen.
David Hasselhoff ist im Übrigen auch kein begnadeter Schauspieler (oder Sänger). Große Hits hatte er trotzdem.
Matthias Greuling
 
DER TEUFELSGEIGER – D/I/Ö 2013 – ab 31.10. im Kino
Regie: Bernard Rose. Mit David Garrett, Helmut Berger, Joely Richardson, Jared Harris, Veronica Ferres
 
Diese Kritik ist auch in „Die Furche“ erschienen
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