Mehr als Porno: DON JON von Joseph Gordon-Levitt

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Wenn Jon Martello (Joseph Gordon-Levitt) zum MacBook greift und der klassische Willkommens-Ton erklingt, dann checkt er keine Mails, wickelt keine Bankgeschäfte ab und interessiert sich auch nicht für Facebook. Nein, Jon nutzt das Internet nur für den Konsum von Pornoclips, die er mehrere Stunden am Tag abruft. Sie sind „sauber, nichts riecht, es gibt keine Körperflüssigkeiten“, sagt er. Und: Die Frauen machten darin, was er will.

„Don Jon“ (Foto: Lunafilm)
Jon lebt das Leben eines typischen jungen Amerikaners, wie man ihn aus den Klischees kennt: Er liebt sein Auto, er stählt gerne seinen Körper im Fitness-Center, ihm ist die eigene Familie sehr wichtig, und auch der Kirchgang am Sonntag. Nur die Fähigkeit, Beziehungen zu führen, die hat Jon nie erlernt. Da schleppt er in der Disco jede Woche lieber eine Neue ab, anstatt die Vorzüge des Zusammenlebens auszuloten. Falls mal keine Frau zur Hand ist, hat er ja seine Pornos. Und falls es doch eine Frau gibt, hat er sie auch. Erst die anfangs sexy, später bodenständig inszenierte Barbara (Scarlett Johansson) gibt ihm erstmals das Gefühl, von einer Frau auch etwas anderes bekommen zu können als Sex. Und die mütterliche Esther (Julianne Moore), die er in der Abendschule kennen lernt, scheint zudem die einzige zu sein, die sein „Hobby“ vom Pornosurfen versteht.
„Don Jon“, das Regiedebüt des Schauspielers Joseph Gordon-Levitt, ist anders als die (zumeist eitlen) Versuche vieler Kollegen, sich selbst in einer Hauptrolle zu inszenieren. Denn Gordon-Levitts temporeiches Erstlingswerk ist mehr als ein selbstverliebtes Ego-Stück – es ist ein Wagnis, sich in großer Explizität mit sich selbst in der Hauptrolle an ein umstrittenes Thema wie Internet-Pornografie heranzuwagen. „Don Jon“ ist dabei aber kein erotischer Film über Gelüste, sondern von seinen Fundamenten her eine beinahe schon hochemotionale Auseinandersetzung mit der eigenen Bindungsunlust und -unfähigkeit. Amouröse Emotionen wollen so gar nicht ins Bild gestandener, bodygebuildeter junger Amerikaner passen, die an den Wochenenden ihre Autos waschen. Weil Joseph Gordon-Levitt aber zulässt, dass seiner Figur trotz ihrer Abgestumpftheit manches näher geht, als sie sich eingestehen will, ist „Don Jon“ zum superben Porträt einer Generation geworden, die dank Internet und sozialer Medien zur emotionalen Vereinsamung verdammt scheint.
Matthias Greuling

DON JON – ab 15.11. im Kino

Drama. USA 2013. Regie: Joseph Gordon-Levitt. Mit Joseph Gordon-Levitt, Scarlett Johansson, Julianne Moore

Dieser Beitrag ist auch in der Wiener Zeitung erschienen.
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