LAST VEGAS & ESCAPE PLAN: Alternde Hollywood-Stars und Eintropfsuppe

ESCAPE PLAN (Foto: Constantin)

Die ganze Welt sehnt sich nach dem Ursprünglichen. Es ist der Megatrend des neuen Jahrtausends, wieder zurück zu kehren an die Anfänge, wieder auf Bewährtes zu setzen, keine Experimente zu wagen. Man kauft heute unbehandelte Bio-Zitronen zum doppelten Preis, weil nur sie das richtige geschmackliche Finish auf dem Wiener Schnitzel bieten. Letzteres kommt freilich vom Biobauernhof, wuchs in einem Stück und ohne Antibiotika. Der Nachwuchs wird mit bester Heumilch aufgezogen und Omas alter Rezeptblock ist für die Hausmänner und -frauen der Nation plötzlich wie ein Schatz: Unverfälscht, urtümlich, eben „wie damals“. Was den Leuten früher gut tat, das kann heute nicht schlecht sein. Heute findet man in Kochbüchern wieder Rezepte für die Eintropfsuppe, von der man gar nicht glauben kann, dass etwas so Schmackhaftes so einfach herzustellen ist. Als Kind liebte man die Oma dafür.
Genau auf dieses Konzept setzt die Traumfabrik in Hollywood schon lange. Klingt schräg, ist aber so: Denn seit einigen Jahren macht sich im Kino ein Trend bemerkbar, der rückwärts gerichtet ist. Die Zeiten von Rocky, Rambo, Terminator & Co. schienen nach den geschmacksverwirrten 80er Jahren endlich vorbei, da hatten findige Produzenten die Idee, das ganze Fokuhila-Brimborium in die Jetzt-Zeit zu transferieren. Neuauflagen von Actionfilmen wurden zu Kassenschlagern, und auch die zwischenzeitlich am lange zurückliegenden Erfolg nagenden Alt-Stars waren wieder da. Stallone brachte mit seinen „Expendables“ längst tot geglaubte Mannsbilder zurück, darunter Dolph Lundgren, Chuck Norris und Jean-Claude Van Damme. Die Genannten wären froh gewesen über jeden Job, doch dieser übertraf alle ihre Erwartungen.
In dieser Kinowoche starten nun gleich zwei Filme mit Patina-Anstrich: Die Hauptdarsteller aus „Last Vegas“ (Michael Douglas, Morgan Freeman, Robert De Niro, Kevin Kline) und „Escape Plan“ (Stallone, Arnold Schwarzenegger) sind zusammen 414 Jahre alt, also fast doppelt so alt wie die Vereinigten Staaten. In „Last Vegas“ unternehmen betagte Buddies einen Trip in die Spielermetropole und machen dort auf „Hangover“. In „Escape Plan“ türmen Sly und Arnie aus einem Hochsicherheitsgefängnis und machen, was sie am besten können: Zuschlagen. Auch, wenn der Bizeps heute mehr schmerzt als vor 30 Jahren – sie lassen sich nichts anmerken.  
Worin besteht aber der Cocktail, mit dem Hollywood seine Alt-Stars weiterhin am Laufen hält? Duracell-Batterien? Viagra in der Eintropfsuppe? Wir haben die fünf Rezepte dazu herausgefunden:
LAST VEGAS (Foto: Universal)

1. Der Alt-Wiener Suppentopf
Was lange kocht, schmeckt intensiv, und alte Suppenhühner sollen ja eine besonders g’schmackige Brühe ergeben: Die Kult-Stars der 80er und 90er Jahre (zu ihnen zählt neben Sly und Arnie auch Michael Douglas – man erinnere sich an „A Chorus Line“, „Eine verhängnisvolle Affäre“ oder „Basic Instinct“) wärmen ihre frühen Erfolge wieder auf, weil Actionfilme oder Komödien für ein anspruchsloses Publikum keiner Neuerfindung des Rades bedürfen. Simpel gestrickt, effektvoll gesalzen, üppig portioniert: Arnie & Co sind Kult, ebenso die echte Wiener Rindsuppe, selbst wenn sie aus gekörnter Brühe besteht, zu deren Beigabe sogar der große Ewald Plachutta in seinem Kochbuch rät!
2. Salonbeuschel statt Tofu
Viele der einstigen Stars haben nach dem Sinkflug ihrer Karrieren verzweifelte Ausflüge in andere Genres unternommen. Stallone verdingte sich in katastrophal schlechten Komödien („Stop, oder meine Mami schießt“) und Kinderfilmen („Spy Kids), De Niro fand nach „Reine Nervensache“ vermehrt Freude an Slapstick und Schwarzenegger ließ seinen Frust in der Politik ab. Nur Sean Connery fand nach dem Bond-Aus zu wahrer darstellerischer Hochform („Die Unbestechlichen“, „Der Name der Rose“), nicht so seine Kollegen Roger Moore oder Timothy Dalton (und auch Pierce Brosnan nicht). Mark Hamill, der Luke Skywalker aus „Star Wars“, tingelt seit 30 Jahren von einer Convention zur nächsten. Doch auch seine Zeit kommt wieder: 2015 soll er als etwas gealterter Skywalker in der „Star Wars“-Fortsetzung vor der Kamera stehen. Die Rückkehr in die einstigen Paraderollen bleibt für viele Stars die einzige Möglichkeit, den Ikonenstatus zu halten (oder ihn letztlich vollständig zu ruinieren).
3. Unter Schutzatmosphäre verpackt
Den Alterungsprozess aufzuhalten, das geht bei Speisen mit Konservierungsmitteln, bei Menschen mit Falten Straffen und Frischzellenkuren. Viele der Stars haben ihren Körper als wichtigstes Kapital erkannt und gerade auch die Männer unter ihnen legen sich immer öfter unters Messer: Bei Stallone ist nicht mehr alles echt, das zeigt ein einfacher Fotovergleich. John Travolta, Nicolas Cage, Mickey Rourke – sie alle stehen im Verdacht der Schönheitskorrektur und erschufen Zerrbilder ihrer alten Ichs. Sie denken: Das ist essentiell für weitere Filmaufträge, denn auch das dank Schutzatmosphäre rosarot gebliebene Faschierte will seinen Käufer finden, auch, wenn es schon fünf Kühlregal-Tage vor sich hingammelt.
4. Schwammerlgulasch mit Knollenblätterpilzen
Was einen nicht umbringt, macht einen härter: Viele Stars haben bewegte und bewegende Schicksal hinter sich: De Niro hatte Prostatakrebs, Michael Douglas einen Zungentumor. Dazu die Trennung von seiner Frau Catherine Zeta-Jones. Schwarzenegger trennte sich von Maria Shriver. Sylvester Stallones Sohne Sage starb mit 36 an Herzversagen. Für die Amerikaner ganz wichtig: Nach dem Schicksalsschlag nicht am Boden liegen bleiben, sondern aufstehen und kämpfen, sich wieder aufrappeln, nie aufgeben. Gerade Stars, die mit einer heroischen Rolle identifiziert werden (Rocky, Rambo, etc.) strahlen umso heller, wenn sie auch als Menschen die Kraft aufbringen, sich gegen das Schicksal zu stemmen. Das macht Eindruck bei den Fans: Die Überwindung dieser Widrigkeiten des Lebens gehört genauso zum amerikanischen Traum wie der Tellerwäscher-Mythos. Schicksale machen einen unsterblich.
5. Schimmel im Marmeladeglas
Womit wir schon bei der letzten Zutat wären, die aus allen vorangegangenen resultiert: Die Unsterblichkeit des Helden. Schusswunden machen ihm ebenso wenig aus wie Explosionen, Vergiftungen oder ein Vollrausch. Man bleibt fit, gut aussehend, jung. Man bekommt in jedem Alter die schönsten Frauen, von denen keine auf das Bankkonto schielt, sondern nur auf das immer noch üppige Haupthaar ihres Adonis. Wer Früchte mit viel Gelierzucker einkocht, der erhält eine lang haltbare Marmelade. Voraussetzung dafür sind allerdings picobello saubere Einmachgläser, sonst gibt’s Schimmel.
Die Helden von einst sind dank des „Zurück zum Ursprung“-Gedankens wieder dick da. Naturbelassen oder nicht: Das fertige Gericht soll so schmecken wie zu Omas Zeiten. „Last Vegas“ und „Escape Plan“ sind in den USA übrigens weit hinter den Erwartungen zurück geblieben. Die Kids wollten lieber „Thor“, „Jackass“ oder „Fleischbällchen“ sehen. Es ist wie mit der nachgekochten Eintropfsuppe: Bei gleichen Zutaten schmeckte die von der Oma trotzdem besser.
Matthias Greuling
ESCAPE PLAN – ab 15.11. im Kino
USA 2013. Regie: Mikael Hafström. Mit Sylvester Stallone, Arnold Schwarzenegger

LAST VEGAS – ab 15.11. im Kino
USA 2013. Regie: Jon Turteltaub. Mit Robert De Niro, Michael Douglas, Morgan Freeman, Kevin Kline

Dieser Beitrag ist auch in der Wiener Zeitung erschienen.
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