VENUS IM PELZ: Polanski und die Lust an der Lust

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VENUS IM PELZ (Foto: Polyfilm)
Wenn ein Regisseur wie Roman Polanski einen neuen Film dreht, dann hat das eine ganz eigene Strahlkraft: Polanski ist 80 und gehört zu den Legenden seines Berufsstandes. Zugleich ist er durch seine Vergangenheit auch abseits der Filmkunst ein medialer Dauergast – die Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn wurden nie gerichtlich geklärt, und 2009 saß er beinahe ein Jahr lang unter Hausarrest in seinem Schweizer Chalet, ehe die Schweiz beschloss, ihn doch nicht an die USA auszuliefern, wo seit 1978 ein Haftbefehl gegen ihn besteht.
All das muss mitbedacht werden, will man Polanskis Spätwerk im richtigen Kontext betrachten: In seinem neuen Film „Venus im Pelz“, die wunderbar kurzweilige und launige Adaption von David Ives’ Broadway-Boulevard-Stück, geht er in einer Szene sogar direkt auf die Vergewaltigungsvorwürfe von damals ein: Thomas (Mathieu Amalric), ein Theaterregisseur, wehrt sich gegen Vorwürfe, sein Stück sei ein Aufruf zur Kinderschändung: „Ist denn heute alles gleich Kindesmissbrauch? Gibt es gar keine Zwischentöne mehr?“ Das klingt ironisch, wenn es jemand wie Amalric sagt, aber es klingt unter der Regie Polanskis auch ein bisschen trotzig.
Der Mensch Polanski ist vom Filmemacher Polanski kaum zu trennen, seine Filmthemen treiben ihn auch als Privatmann um. Er ist kein Polemiker, kein Provokateur, aber auch kein Gutmensch. Er ist nie Teil der Handlung, und doch steht er mit seinen Figuren in jeder Szene auch irgendwie selbst vor der Kamera.
In „Venus im Pelz“, das auf Leopold von Sacher-Masochs gleichnamigem Skandalbuch von 1870 basiert und auf das der später entworfene Masochismus-Begriff zurückgeht, hat Polanski seine Ehefrau Emmanuelle Seigner in der Hauptrolle besetzt; es ist ihre vierte Zusammenarbeit seit „Frantic“, und ihr gegenüber platziert Polanski Amalric als Regisseur eines Bühnenstücks, der verzweifelt nach einer Hauptdarstellerin sucht. In Vanda (Seigner), die an diesem verregneten Nachmittag als Letzte zum Vorsprechen in ein Pariser Theater kommt, scheint er die perfekte Besetzung gefunden zu haben. Zwischen den beiden entspinnt sich über die gesamte Dauer des Films eine immer kraftvollere Wechselwirkung aus lustvollen Obsessionen und sexuell aufgeladenen Szenen. Mehr und mehr vermischen sich die Bühnenrollen mit den Persönlichkeiten ihrer beiden Darsteller, und am Ende findet gar eine Art Geschlechterrollen-Tausch statt.
„Venus im Pelz“ ist ein minimalistisches Kammerspiel, gespickt mit beinahe schon spitzbübischen Regieeinfällen; Polanski hat sichtlich Lust daran, von der Lust zu erzählen. Seigner ist großartig in der Rolle der anrüchigen, verführerischen Bühnenkünstlerin, Amalric brilliert in der Darstellung eines zunehmend perplexen Mannes, dessen Wertesystem durcheinander gerät.
Auch wenn sich die Filme Polanskis nur schwer von seiner Person trennen lassen und auch wenn man ihm gerne vorwirft, allzu salopp mit seiner Vergangenheit umzugehen: Viele seiner Filme, darunter auch „Venus im Pelz“, sind künstlerisch über jeden Zweifel erhaben.
Matthias Greuling
VENUS IM PELZ – ab 22.11. im Kino
F/PL 2013. Regie: Roman Polanski. Mit Emmanuelle Seigner, Mathieu Amalric

Dieser Beitrag ist auch in der Wiener Zeitung erschienen.
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