Die Liebe und ihre Qualen – "Blau ist eine warme Farbe" von Abdellatif Kechiche

TOP

Lust und Schmerz liegen nahe beisammen, das muss Adèle (Adèle Exarchopoulos), die Heldin in Abdellatif Kechiches Cannes-Gewinner „Blau ist eine warme Farbe“, mit Leib und Seele erfahren. Sie, das Schulmädchen aus einer kleinen bürgerlichen Familie im französischen Lille, hat sich nämlich das erste Mal in ihrem Leben so richtig verliebt – und zwar in eine junge Frau mit blauen Haaren namens Emma (Léa Seydoux): Eine Liebe auf den ersten Blick, denn mehr als diesen einen Blick gab es da nicht, als die beiden Mädchen die Straße überquerten und einander ansahen. Doch Emma geht Adèle nicht mehr aus dem Kopf.
Blau ist eine warme Farbe (Foto: Thimfilm)
In ihrem Lebensumfeld wird Adèle zunächst für ihre Neigung geächtet, die Schulfreundinnen verspotten sie. Mit Emma lässt sie sich indes in einen hemmungslosen Glücksrausch fallen – die beiden Frauen geben sich einander hin, so leidenschaftlich und fast schon qualvoll, dass man bald ahnt: Wer solche Lust lebt, bei dem fliegen irgendwann die Fetzen. Und zwar gewaltig.
Die Trennung von Emma fühlt sich für Adèle schließlich ungefähr so an, als steche man ihr mit einem stumpfen Buttermesser 50 Mal ins Herz. Eine Qual, das ist die Liebe. Sie fährt durch Mark und Bein.

Kein Lesben-Sexdrama

Als „Blau ist eine warme Farbe“ im Mai in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, hatte man Kechiches Film in der Rezeption bereits auf eine simple Formel reduziert: Lesben-Sex mit vielen ausufernden und expliziten Szenen körperlicher Liebe, die manch prüdem Kritiker zu lang und zu detailreich schienen. Und dann noch die Geschichte, dass die weiblichen Geschlechtsteile der Schauspielerinnen mit Gummi-Vaginas überklebt wurden, um den Film nicht zum Porno zu machen, weil letztlich ja niemand nackt ist.
Doch Kechiche hat seinen Film mit weit mehr angereichert, als dass man „Blau ist eine warme Farbe“ als triebgesteuertes Lesben-Sexdrama abtun könnte. Wie bei Kechiche üblich, klebt seine überwiegend von Hand geführte Kamera fast ausschließlich in Großaufnahmen an den Gesichtern seiner Protagonistinnen; so verschwimmt ihr Umraum vollständig, der Fokus liegt allein auf ihrem seelischen Innenleben. Betont wird die Körperlichkeit von Emotion, oder anders gesagt: wie unser Innenleben nach außen strahlt und unser Auftreten prägt. Was es über einen aussagt, wie man seine Spaghetti schlürft; wie man mit vollem Mund über Schiele und Sartre debattiert; wie man ohne böse Absicht mit Lug, Betrug und Misstrauen seine Beziehung zu retten versucht, sie damit in Wahrheit aber zerstört.

Dass dafür entsprechend talentierte Schauspielerinnen nötig sind, um diese Emotionen in Mimik zu gießen, weiß Kechiche. Neben Seydoux, die zu den derzeit begabtesten und zugleich laszivsten französischen Filmgesichtern zählt, hat Kechiche mit der noch unbekannten Adèle Exarchopoulos einen Haupttreffer gelandet. Exarchopoulos spielt Emotionen beim Sprechen, beim Weinen, beim Essen, beim Trinken, beim Sex so unfassbar präzise, dass man ihr jede Sekunde ihres Liebesschmerzes abnimmt. Als hätte sie ihn selbst durchlitten.
Matthias Greuling

BLAU IST EINE WARME FARBE – ab 20.12. im Kino
F 2013. Regie: Abdellatif Kechiche. Mit Léa Seydoux, Adèle Exarchopoulos

Dieser Beitrag ist auch in der Wiener Zeitung erschienen
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s