Crossing Europe 2014: Nicht zum Fürchten

„Ein bisschen“, sagt Christine Dollhofer, „ist unser Festival schon zur Institution geworden. Es gehört mittlerweile nach Linz, die Förderer und Sponsoren stehen dahinter.“ Entspannte Worte aus dem Munde der Leiterin des „Crossing Europe“-Filmfestivals.

Doch das war nicht immer so. Noch im Vorjahr, als Dollhofers engagierte Filmschau ihr zehnjähriges Bestandsjubiläum feierte, brachen ihr wichtige Sponsoren weg, und das Festival stand vor dem Aus. Die Situation war zum Fürchten, weil sich die vielen Förderer und Sponsoren ein „fragiles Konstrukt“ aus Unterstützungsgeldern aufteilten. Fällt einer aus, kommt die Struktur ins Wanken. „Ich hatte damals einen dramatischen Hilfeschrei lanciert“, erzählt Dollhofer.

Europagedanke im Mittelpunkt

Dario Argento ist einer der Star-Gäste von „Crossing Europe“. Foto: Crossing Europe
Das Fürchten ist erst einmal vorüber, der Hilferuf zeigte Wirkung: Zur elften Ausgabe von Crossing Europe gewann Dollhofer die oberösterreichische Energie AG als neuen Hauptsponsor. Auch die Fördergeber zeigten sich spendabler, sodass das Festival nun etwas mehr als 500.000 Euro zur Verfügung hat. „Damit sind wir zwar immer noch nicht im Olymp der Förderungen, aber immerhin kann das Festival auf diese Weise stattfinden“, so Dollhofer. Verglichen mit anderen heimischen Filmschauen ist das wirklich bescheiden: Die Viennale erhält etwa rund 1,5 Millionen Euro allein von der Stadt Wien, die Diagonale in Graz immerhin noch mehr als 600.000 Euro von öffentlichen Einrichtungen. Immerhin: „Die Fördergeber haben eingesehen, dass sich nach zehn Jahren etwas bewegen muss“, sagt Dollhofer.

Dabei ist „Crossing Europe“ von seiner Bedeutung her keineswegs hinter den genannten Festivals zu reihen. Im Gegenteil: Dollhofer hat über die Jahre eine intelligent programmierte Filmschau etabliert, bei der der Europagedanke im Mittelpunkt steht, weil Filme aus allen Teilen des Kontinents zur Aufführung gelangen. „Uns geht es darum, die Vielgestalt des europäischen Filmschaffens abzubilden und über Landesgrenzen hinaus zu blicken“, so Dollhofer. Weshalb das Festival auch Gelder aus dem europäischen Topf der „Media“-Förderung erhält.

Kulturpolitisch unabhängig

Wenn am Freitag Abend zur Eröffnung also gleich sechs verschiedene Filme aus ganz Europa zur Auswahl stehen, so ist für jeden Film(kunst)liebhaber etwas dabei: etwa „Un château en Italie“ von und mit Valeria Bruni-Tedeschi aus Frankreich, „Under the Skin“ des Briten Jonathan Glazer mit Scarlett Johansson oder „Witching and Bitching“ des Spaniers Álex de la Iglesia. Auch bemerkenswert: die Doku „Double Happiness“, für die sich die Oberösterreicherin Ella Raidel nach China begab, wo man den Ort Hallstatt eins zu eins nachgebaut hat. Insgesamt zeigt „Crossing Europe“ in den fünf Festivaltagen bis 30. April in den verschiedenen Festivalsektionen 184 Spiel-, Dokumentar- oder Kurzfilme aus 37 Ländern. Das Herzstück der Schau, der Wettbewerb, zeigt neun gewagte Produktionen junger Filmschaffender: Hier kommen nur Erstlings- oder zweite Filme zur Aufführung, darunter „Les Apaches“ des Franzosen Thierry de Peretti, „Love Steaks“ des Deutschen Jakob Lass, „Via Castellana Bandiera“ der Italienerin Emma Dante oder „Violet“ von Bas Devos aus Belgien.

Weil das Festival anders als die Viennale oder die Diagonale nicht über langjährige Förderverträge verfügt, muss es jedes Jahr erneut um sein Zustandekommen kämpfen. „Das macht uns einerseits kulturpolitisch unabhängig“, lobt Christine Dollhofer diesen Vorteil, „andererseits ist für die Förderer und Sponsoren dadurch die Bindung an das Projekt nicht so verbindlich.“ Weshalb es dem Festival auch nicht möglich ist, finanzielle Reserven anzuhäufen.

Dennoch ist die bekennende Verfechterin des zeitgenössischen europäischen Kinos nicht trübe gestimmt: „Wir finden, dass wir ein tolles Programm anbieten. Außerdem kommen viele Regisseure zu uns und treten in Kontakt mit dem Publikum.“ In diesem Jahr gehört etwa die italienische Regie-Legende Dario Argento zu den Stargästen, er hat seinen neuen Film „Dracula 3D“ mitgebracht. Damit das Fürchten heuer auf die Leinwand beschränkt bleibt.
Matthias Greuling
Dieser Beitrag ist auch in der Wiener Zeitung erschienen.
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