In memoriam Michael Glawogger – Neugier ohne Wiederkehr

Michael Glawogger (1959-2014) Foto: Tommy Pridnig
Vor rund einem Monat verfasste Michael Glawogger einen Blogeintrag über seine Weltreise, zu der er im vergangenen Dezember aufgebrochen war. Er hatte bereits mehrere solcher Blogs auf standard.at und sueddeutsche.de in Form von Geschichten geschrieben, die ihm unterwegs widerfuhren und in denen er von sich selbst in der dritten Person sprach. Glawogger beschrieb einen Mann, der sich im afrikanischen Mali durch heiße Tage und Nächte quälte, von Dorf zu Dorf zog und in schmutzigen Unterkünften Nachtruhe suchte. „Dann entknotete er das Moskitonetz über dem Bett und schlief ein, meist in den Kleidern. Die Betten waren auch oft so schmutzig, dass er sich nicht ausziehen mochte“, schreibt Glawogger. „Aber hatte er selbst erst einmal ein gewisses Maß an Grundschmutz angelegt, erschien ihm anderer Schmutz auch nicht mehr so tragisch. Er war so müde an diesen Tagen, dass er traumlos (wie er meinte), regungslos (wie er glaubte) und angespannt (wie er wusste) schlief.“

Jetzt ist Michael Glawogger gestorben. Er wurde 54 Jahre alt. In Liberia an der afrikanischen Westküste ist er in der Nacht zum Mittwoch einer schwer verlaufenen Form der Malaria erlegen, wie das Büro seiner Produktionsfirma Lotusfilm bestürzt mitteilte. Glawogger war auf seiner Weltreise unterwegs, um daraus sein neues Filmprojekt zu formen; es sollte eine dokumentarische Annäherung an viele verschiedene Orte des Planeten werden, Glawogger hatte als Konzept allerdings kein bestimmtes Ziel; er wollte sich treiben lassen, wollte finden, was die Welt ihm zu erzählen hatte. Der Film hatte deshalb auch noch keinen Titel, er nannte ihn vorab den „Film ohne Namen“. Eine Idee, die typisch war für den gebürtigen Grazer Regisseur.

Die Welt abgebildet

Er war ein Meister im Aufspüren von Geschichten und vom Schildern der Zustände. Seine Dokus „Megacities“, „Workingman’s Death“ oder „Whore’s Glory“ waren die herausragendsten seiner Arbeiten, weil sie so akribisch wie zufällig wirkten; als habe da jemand scheinbar mühelos die Welt abgebildet, mit all ihrem Leid, Schmutz, Elend, ohne daraus einen Vorwurf zu machen. Glawogger hat Ist-Zustände nie geschönt und dennoch eine große Ästhetik in sein filmisches Erzählen gebracht. Seine Filme kannten keine vorgefasste Meinung, sie speisten sich aus Neugier.

In Afrika traf diese Neugier immer wieder auf prekäre Lebensumstände: „Es gab darin nichts außer einem Bett mit dem üblichen Moskitonetz (gottseidank). Schlüssel gab es auch keinen. Er trank also die nötige Anzahl an Bieren, die es brauchte, um gleich einschlafen zu können, schaute in die Nacht, rauchte und legte sich dann hin“, schrieb Glawogger.

Seine Weltreise hatte Michael Glawogger am 3. Dezember 2013 mit einem Event in seinem Haus im niederösterreichischen Pitten begonnen. Dort bestieg er gemeinsam mit Kameramann Attila Boa und Tonmann Manuel Siebert einen etwas in die Jahre gekommenen roten VW-Bus, „für den es selbst im hintersten Winkel der Welt Ersatzteile geben dürfte“, wie er verkündete. Die Fotografen knipsten dankbar die skurrilen Motive eines inszenierten Abschieds, den Glawogger bewusst als eine Reise ins Ungewisse darstellte. Nur das Rückkehrdatum war fixiert: der 3. Dezember 2014.

Die Reise führte ihn zunächst nach Osteuropa, dann nach Afrika. Unermüdlich bloggte Glawogger seine Erlebnisse, das letzte Posting erschien erst am Dienstag. Er schrieb darin von einem mysteriösen Loch, in das die Liberianer ihre Handys reichten, um sie dort gegen Gebühr aufladen zu lassen. Er schrieb auch über die körperliche Erschöpfung, „weil die Hitze des Nachmittags feucht in die Glieder und Gedanken drang und jedes Wollen und jeden Willen zur Aktivität in einem lahmlegte“.

Scharfe Beobachtungsgabe

Michael Glawogger war einer der umtriebigsten Filmemacher des jüngeren österreichischen Filmschaffens. 1989 drehte er gemeinsam mit Ulrich Seidl den Dokumentarfilm „Krieg in Wien“, danach entstanden nach seinen Büchern Seidls „Good News“ und „Mit Verlust ist zu rechnen“.

Mit „Megacities“ gelang ihm 1998 als Regisseur der künstlerische Durchbruch. Der Film bildete mit „Workingman’s Death“ (2005) und „Whore’s Glory“ (2011) eine Trilogie über (Arbeits-)Welten und Lebensrealitäten im beginnenden 21. Jahrhundert, in dem die Unterschiede zwischen Arm und Reich, zwischen modern und rückständig immer breiter auseinanderzuklaffen schienen. Genau das fing Glawogger mit scharfer Beobachtungsgabe ein und legte komplexe politische und ökonomische Systeme anhand exemplarischer Geschichten frei; er zementierte darin keine Ansichten, schuf keine Mahnmale, sondern wuchtige Zeugnisse menschlicher Lebensentwürfe zwischen Hoffnung und manchmal auch Resignation. Niemand konnte diesen schmalen Grat, diesen kleinen Moment besser einfangen als er: wenn die Stimmung seiner Protagonisten zu kippen begann – von Wut in Freude, oder vom Glück ins Unglück.

Glawogger versuchte sich auch mehrfach als Spielfilmregisseur. So ernst er seine Dokumentarfilm-Arbeiten nahm, so scheinbar leichtfüßig und ungestüm legte er die fiktionalen Projekte an. Mit viel Charme, Chuzpe und Verve widmete er sich in „Nacktschnecken“ (2003) einer Gruppe junger Leute (unter anderen Michael Ostrowski), die einen Porno drehen möchten. In „Slumming“ (2005) folgte er dem versoffenen Straßenpoeten Kallmann (Paulus Manker) durch ein Dickicht aus Kriminalität und Weltfrust. „Contact High“ (2009) oszillierte zwischen Würstelstand und Drogenrausch. 2009 nahm er sich zum letzten Mal eines Spielfilms an: „Das Vaterspiel“ war eine eigenwillig spröde Verfilmung des Romans von Josef Haslinger. Erst im März wurde Glawoggers kurzweiliger Fernsehfilm, der Land-Krimi „Die Frau mit einem Schuh“, bei der Diagonale uraufgeführt.

Mit leuchtenden Augen

Auch, wenn viele dieser Arbeiten möglicherweise verkannte Geistesblitze eines durch und durch zu Späßen aufgelegten Schelms waren, so blitzte Glawoggers volle Brillanz dann doch eher in seinem dokumentarischen Schaffen auf, das er zwar mit großer Ernsthaftigkeit verfolgte, das dem Schelm in ihm aber dennoch Raum ließ: Die Neugier dieses Filmemachers für Zusammenhänge und entlegene Regionen dieser Welt trieb ihn vorwärts. Unvergleichlich war, wie Glawoggers Augen zu leuchten begannen, wenn er in Interviews von seinen Filmideen sprach oder von entfernten Gegenden und seinen Erfahrungen in der Fremde berichtete. Es ist selten, dass ein Filmemacher von seinem Format so sympathisch, so offen und herzlich von seinen Erfahrungen berichtete; viele seiner Kollegen halten sich eher bedeckt, wenn es um ihre Arbeitsprozesse geht, oder um ihre Erlebnisse. Sie wollen ihre Filme sprechen lassen. Glawogger hingegen hatte ein offenes Ohr für Fragen zu seiner Arbeit; er erzählte unentwegt und begeistert davon. Nicht umsonst wollte er seine ausführlichen Blogs von der Weltreise hernach in Buchform veröffentlichen.

In seinem letzten Blogeintrag vom vergangenen Dienstag war Michael Glawoggers Erschöpfung deutlich spürbar. Er schrieb: „Er schleppte sich zurück in sein Zimmer, starrte noch schwitzend auf die rosaroten Wände und den sich träge drehenden Ventilator, als der Strom ausfiel und er einschlief.“ Die österreichische Filmlandschaft verliert mit Glawogger nicht nur einen großen Chronisten mit Hang zu filmischer Experimentierfreude. Sie verliert auch einen charmanten Spaßmacher, einen mutigen Erzähler des Unkonventionellen, einen vielfach preisgekrönten Filmregisseur und vor allem einen unfassbar guten Freund. 
Matthias Greuling
Dieser Beitrag ist auch in der Wiener Zeitung erschienen.


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