BOYHOOD – Der ruhige Fluss des Lebens // Richard Linklater

Ein Film mit einer Spielzeit von 164 Minuten über einen ganz normalen kleinen Buben und seine Schwester, die zu Teenagern heranwachsen – kann das spannend sein? Oder kennt man das nicht ohnehin von sich selbst, von Bekannten, von Verwandten, den Nachbarn?

Ellar Coltrane als Sechsjähriger in „Boyhood“. (Foto: Universal)
Die Antwort lautet: Ja, das kann spannend sein. Und wie! „Boyhood“ von Richard Linklater zeigt das Erwachsenwerden, wie man es noch nie auf der Leinwand gesehen hat: Nämlich quasi in Echtzeit. Oder besser gesagt: Im Zeitraffer. Deshalb ist „Boyhood“ ein Unikum in der Filmgeschichte; ein Film, der ganz allein dasteht, und der das Erzählen über die Zeit völlig neu gedacht hat. Ein intelligenter Ansatz, den Linklater hier wählte: Er begleitete seine Protagonisten Ellar Coltrane und seine Tochter Lorelei Linklater seit 2002 über zwölf Jahre lang und drehte mit ihnen und ihren Filmeltern Patricia Arquette und Ethan Hawke jedes Jahr einige Tage lang an der Geschichte weiter – was dazu führt, dass man dem Erwachsenwerden der Kinder nahtlos zusehen kann, während die Eltern sanft altern. Eine intelligente Idee, keine intellektuelle. Kindheit braucht keine Meta-Ebene.

Alles aus einem Guss

Das ist das Außergewöhnliche an diesem Film: Normalerweise besetzen Regisseure für solche Geschichten eben einen jungen Darsteller und einen älteren, wenn Zeitsprünge anstehen. Erwachsene Schauspieler werden auf jünger oder älter geschminkt, und das Ganze ist ein einziger Fake. „Boyhood“ geht viel wahrhaftiger mit der Lebens- und Filmzeit um, sodass man die Zeitsprünge, wenn wieder einmal ein Jahr in der Erzählung vergangen ist, fast gar nicht mitbekommt. Keine Inserts, keine dramaturgischen Kniffe, sondern eher eine neue Frisur oder der erste Bartwuchs. Einfach der Fluss des Lebens. Alles wirkt wie aus einem Guss.
Es ist wie im echten Leben, wenn man das Nachbarskind längere Zeit nicht gesehen hat und einem die Veränderungen auffallen: „Wahnsinn, bist du aber groß geworden!“ Kinder kennen solche Sprüche zur Genüge. Und auch den Umstand, dass man sich zur Größenmessung halbjährlich bei der Mama an den Türstock zu stellen hat, worauf sie einen mit einem datierten Eintrag verewigt.
Als Richard Linklater dieses gewagte Projekt 2002 seinen Produzenten vorschlug, reagierten die, wie man es von Hollywood erwartet: „Was, wir sollen unser Geld erst in 12 Jahren zurückbekommen? Kann man das nicht als Serie fürs Fernsehen drehen und wir zeigen jedes Jahr ein paar Folgen?“ Linklater setzte sich am Ende dennoch durch und begann seine Geschichte: Die folgt dem sechsjährigen Mason (Coltrane) und seiner Schwester Samantha (Lorelei Linklater) vom Eintritt in die Volksschule bis zum Abschluss der High School. Die Eltern sind geschieden, die Mutter (Arquette) muss versuchen, Erziehung und Job unter einen Hut zu bringen. Der Vater (Hawke) ist lange Zeit nicht da, weil er sich in Alaska die Zeit vertreibt. Einmal fragt ihn sein Sohn: „Daddy, hast du einen Job?“ Verlegen wechselt Daddy das Thema.
Ellar Coltrane mit 18 und seiner ersten Liebe. (Foto: Universal)
„Boyhood“ streift die ganz normalen Unwegsamkeiten auf dem Trip ins Leben: Ein Schulwechsel, neue Klassenkameraden, der neue Mann im Leben der Mutter, der sich bald als cholerischer Alkoholiker entpuppt. Die erste Liebe, Partys und erste Erfahrungen mit Rauschmitteln, dazu das locker-leichte, sommerliche Bild spielender Kinder in der US-Vorstadt-Idylle. Nichts wird hier stilisiert oder geschönt, und doch ist „Boyhood“ wie ein Abziehbild der eigenen Kindheit, die man oft in verklärter Denkweise Revue passieren lässt.

Bilder, Töne & Gerüche

Der Film spendiert dazu die richtigen Bilder, Farben, Töne und beinahe auch schon die Gerüche. Man erinnert sich, wie die Morgenluft beim Camping roch, als Daddy mit einem zum Teich fuhr, oder wie es war, als man das erste Mal im Sportstadion für seine Mannschaft mitfieberte. Reize, die Linklater seinem Publikum zur Rezeption überlässt, und so sieht wahrscheinlich jeder die gleiche Geschichte mit unterschiedlichen Gefühlen. Daraus ergibt sich der Reichtum dieses durch und durch bodenständigen Films, der nichts unnötig dramatisiert, verklärt oder intellektualisiert.

Es ist fast, als hätten Linklaters bisherige Arbeiten (darunter „Before Sunrise“ und „Before Sunset“) ihm nur als Vorbereitung auf diesen Film gedient: „Boyhood“ ist die Essenz von Linklaters Können als Filmemacher. Ein Film, so vielfältig wie das Leben selbst.
Matthias Greuling
BOYHOOD – ab 6.6. im Kino
USA 2014. Regie: Richard Linklater. Mit Ellar Coltrane, Lorelei Linklater, Patricia Arquette, Ethan Hawke
Dieser Beitrag ist auch in der Wiener Zeitung erschienen.
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