Der letzte Tanz: Erni Mangold im Glück

Als zu Hause bei Karl (Daniel Sträßer) die Polizei klingelt, da kann seine Mutter (Marion Mitterhammer) gar nicht glauben, dass ihr Sohn nun in Handschellen abgeführt werden soll. Doch Karl leistet keinen Widerstand; Leute wie er gehörten weggesperrt, zeigt sich der Polizist wütend. Leute wie er, das weiß Karl, haben ein Tabu gebrochen.

„Der letzte Tanz“ (Foto: Stadtkino)
„Der letzte Tanz“ brachte Regisseur Houchang Allahyari im März einen lang verdienten Preis. Die Diagonale kürte das Drama zum besten Spielfilm des Jahres, und Allahyari, der seit Jahrzehnten zumeist kleine, sehr intime Filme dreht, war die Rührung anzusehen. Gerade bei diesem Film – nicht seinem besten, aber vielleicht seinem wichtigsten – ist die Auszeichnung ein Stück weit auch für die mutige Themenwahl erfolgt. 
„Der letzte Tanz“ erzählt nämlich von dem Zivildiener Karl, der zwar mit seiner einstigen Schulliebe liiert ist, zugleich aber auf der Pflegestation, der er zugeteilt wurde, eine intensive Beziehung zu einer Alzheimerpatientin beginnt. Frau Eckert (Erni Mangold) ist eine störrische alte Frau, der Schrecken der Stationsschwestern und meist gar nicht kooperativ. Erst Karl findet einen Weg zu ihr, weil er der einzige ist, der sich für sie interessiert.
Das ist ein griffig zugespitzter Kritikpunkt am Pflegebetrieb im Allgemeinen: Allahyari illustriert damit, wie wenig Zeit im Alltag für die Patienten bleibt, und welche menschliche Vereinsamung damit einhergeht: Viele dieser alten Menschen haben kaum Angehörige, die sich um sie kümmern wollen, und ihre Hilfeschreie um mehr Aufmerksamkeit werden oft als Alterssturheit missgedeutet. Dabei würde ein nettes Wort oft heilsamer wirken als die vielen bunten Pillen, die man ihnen tagtäglich zwangsverabreicht.

Stur und bettlägerig


So wie Frau Eckert im Film, die sich partout als sture bettlägerige Inkontinente gibt. Eine Protestaktion, ein Hilfeschrei, den der junge Karl erkennt. Er umgibt sich immer häufiger mit Frau Eckert, liest ihr Geschichten vor, lädt ihr Opern auf seinen MP3-Player, nimmt sie ernst. Den anderen Pflegern fällt das unangenehm auf, doch Frau Eckert blüht plötzlich auf und wirkt wie ein frisch verliebtes junges Mädchen (kaum eine Frau strahlt mit 87 so eine Jugendlichkeit aus wie Erni Mangold).
Am Ende wird Karl vor Gericht gestellt, weil er Sex mit einer entmündigten Alzheimer-Patientin hatte. Hiermit bricht er hartnäckig verwurzelte Tabus: Einerseits soll er ein Abhängigkeitsverhältnis zu einer Unmündigen ausgenutzt haben, andererseits ist für die meisten Menschen sexuelle Aktivität jenseits der 80 nur schwer vorstellbar.
Houchang Allahyari gelingt es, all diese Tabus und Vorurteile in seinen Film zu packen, ohne daraus ein Lehrstück zu formen: Vielmehr zweiteilt er seinen dramaturgischen Raum, indem er in der ersten Hälfte des Films ein in schwarz-weiß gehaltenes Kriminalstück vorträgt, in der Karls U-Haft und der Weg zum Prozess gezeigt wird. Allahyari selbst tritt als Gefängnis-Arzt und Psychiater auf, weil er diesen Beruf tatsächlich lange Zeit ausgeübt hat. 

Erst in der zweiten Hälfte wird das Bild farbig; der Film wird zur zarten Liebesgeschichte, aber es ist keine berauschende, glückstrunkene Leidenschaft, die die Geschichte antreibt, sondern ein ehrliches Interesse am Mitmensch, in der die Idee von unbedingter Solidarität steckt. Von dieser Seite gesehen, ist „Der letzte Tanz“ – auch dank der wunderbaren Erni Mangold – als Film wie als Erzählung ein wahrer Akt der Nächstenliebe. 

Matthias Greuling

DER LETZTE TANZ – Ab 13.6. im Kino
Ö 2014. Regie: Houchang Allahyari. Mit Erni Mangold, Daniel Sträßer, Marion Mitterhammer

Dieser Beitrag ist auch in der „Furche“ erschienen. 
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