Von Nazi-Vergangenheit und Zukunftsängsten: "Und in der Mitte, da sind wir"

Die Baustelle zu einem neuen Einkaufszentrum am Ortsrand. „Jetzt werma bald a Stadt“, sagt ein Jugendlicher. Aber die Shops sind nicht das Wahre. „Wahrscheinlich Bipa, Penny, Kik, H&M und ein Mäci“, sagt ein anderer.
„Und in der Mitte, da sind wir“. Foto: Filmladen
Wir sind in Ebensee im Salzkammergut, da, wo es zur Nazizeit ein KZ gab und wo die dunklen Stollen am Ortsrand einst eine vor Bomben geschützte Raketenversuchsanstalt beherbergten. Fast 9000 Menschen starben in dem Nebenlager von Mauthausen, und bis heute wird in Ebensee alljährlich der grausamen NS-Verbrechen gedacht: Busseweise fahren die Gäste vor, nur die Ebenseer selbst halten sich eher zurück. „Wir gehen da ned hin“, sagt der Vater eines Teenagers. „Das interessiert uns nicht“.
„Und in der Mitte, da sind wir“ des in Gmunden geborenen Jungregisseurs Sebastian Brameshuber spürt den Befindlichkeiten nach, die die Ebenseer Jugend zur Vergangenheit hat, noch mehr aber fokussiert der Film auf die Zukunft. Eine Zukunft, die zwischen Lehrstellensuche, Aushilfsjob, dem Traum vom 7er BMW und der Karriere beim Bundesheer pendelt und in eine gewisse Perspektivenlosigkeit mündet. Überall das gleiche, nichts ist wirklich aufregend. Auch nicht das Videogame und auch nicht der gemeinsame Billard-Abend.
Doch die Ebenseer Jugend hat noch eine Belastung auf dem Buckel, an der sie sich eigentlich abarbeiten müsste: 2009 kam es bei den KZ-Gedenkfeiern zu einer rechtsextremen Störaktion, an der Jugendliche aus Ebensee beteiligt waren. Sie skandierten Nazi-Parolen und beschossen Besucher mit Softguns. Reflektiert, so zeigt der Film, geht man damit nicht um. Es wird eher der Mantel des Schweigens und der Ignoranz darüber gebreitet. „Die werden halt nicht gewusst haben, was sie da tun“, entschuldigt einer der befragten Ebenseer die Aktion.

Schnörkellos


Brameshuber zeigt diesen dörflichen Mikrokosmos zwischen (verordneter) Vergangenheitsbewältigung, (zwecksmäßiger) Gewissensberuhigung und (versuchten) Zukunftsperspektiven in sehr einfachen, klaren Bildern; schnörkellos ist auch die Dramaturgie seines Jugendporträts, das den drei halbwüchsigen Hauptprotagonisten Andreas, Ramona und Michael beim Vertreiben ihrer Zeit zusieht. Sie scheinen alle auf etwas zu warten, aber was genau das ist, wissen sie selbst nicht.
Die Verortung der Jugendlichen in Familien mit teils reaktionärem Charakter tut ihr Übriges zur Ausprägung und Weitergabe ewiggestrigen Gedankenguts. Dass Ebensee als ewiger Dritter zwischen Gmunden und Bad Ischl gilt, macht den Ausweg nicht einfacher. Eine soziale, politische, historische und imagemäßige Angleichung, das wär‘s.
Und so ist das neu errichtete Einkaufszentrum so etwas wie die Norm(alis)ierung des ländlichen Ebenseer Raumes. Mit ihm kommt Gleichheit in die Welt, unter ihm wird Vergangenes begraben. In ihm verheißt der fade Shopmix das Gefühl vom Leben im Jetzt: In der Welt von Penny, Bipa und KiK gibt es keine Vergangenheit.

Matthias Greuling

UND IN DER MITTE, DA SIND WIR – ab 13.6. im Kino
Ö 2014. Regie: Sebastian Brameshuber. Dokumentarfilm

Dieser Beitrag ist auch in der Wiener Zeitung erschienen.
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