Monsieur Claude und seine Töchter: Ein komödiantisches Spiel mit Alltagsrassismus

Drei junge Männer in entspannter Werkskleidung sitzen im Garten eines feudalen Anwesens. Dessen stockkonservativ-bürgerlicher Besitzer Claude Verneuil (Christian Clavier) und seine Gattin Marie (Chantal Lauby) empfangen gerade Gäste: „Sind das ihre Gärtner?“, fragt einer. Nein, sagen die Verneuils, das seien ihre Schwiegersöhne.

Was für ein Schock: Die drei Männer sind alles, nur keine Franzosen! Der eine ist Jude, der andere Araber, der dritte Chinese, und alle drei haben Töchter der Verneuils geheiratet.
„Monsieur Claude und seine Töchter“ (Foto: Filmladen)
Die Miene von Brautvater Claude hat sich von Hochzeit zu Hochzeit dramatisch verfinstert. Wie kann es sein, dass keine seiner vier Töchter einen waschechten Franzosen mit nach Hause bringt? Da hilft es auch nichts, dass die drei „Ausländer“ den Text der Marseillaise besser beherrschen als die Franzosen selbst: Alltagsrassismus ist in Frankreich mindestens ebenso stark verwurzelt wie in Österreich.
Bleibt nur mehr Tochter Nummer vier: Vielleicht ist Laure (Elodie Fontan) ja vernünftig und bringt einen Christen in die Familie, hoffen die Eltern. Und siehe da: Laure kündigt ihre Hochzeit an – mit dem ersehnten Christen zwar, aber es ist gut für Claude und Marie, dass sie beim Vorstellungstermin schon sitzen – andernfalls wären sie wohl in Ohnmacht gefallen: Laure bringt mit Charles (Noom Diawara) nämlich einen Afrikaner in die Familie. Grundgütiger!

Besäufnis gegen Rassismus

Zur großen Hochzeit reisen die neuen Schwiegereltern André (Pascal N’Zonzi) und Madeleine (Salimata Kamate) aus Afrika an, die ihre ganz eigenen rassistischen Ressentiments hegen – nämlich gegen Weiße. Doch sobald sich Papa Claude und Papa André bei einem rustikalen französischen Besäufnis näher beschnuppert haben, bricht das Eis: Am Ende feiert man freudig und friedlich die vierte Hochzeit im Hause Verneuil.

„Monsieur Claude und seine Töchter“ ist mit mehr als zehn Millionen französischen Besuchern der Filmerfolg des Jahres aus Frankreich. Er spielt wie etliche Komödien der letzten Jahre (etwa „Ziemlich beste Freunde“ oder kürzlich „Eine ganz ruhige Kugel“) mit den religiösen und rassistischen Vorurteilen einer spießigen Gesellschaft, deren wertkonservative Gesinnung Hand in Hand geht mit einer seltsamen Vorstellung von der Reinheit des französischen Blutes. „Ich soll ein Rassist sein?“, empört sich Claude während eines Eklats beim gemeinsamen Essen. „Ich bin Gaullist!“ Welches Etikett auch draufkleben mag: Die Ablehnung des Fremden bleibt.
Und auch Claudes Ehefrau Marie treibt die Multikulti-Familie in den Wahnsinn: „Stell dir nur mal vor, wie unsere Enkel aussehen werden, Claude“, schluchzt sie. „Was haben wir Gott nur getan?“
Über rassistische Klischees zu lachen ist vermutlich eine gute Methode, dem Ernst ihrer Wurzeln zu entkommen. Regisseur Philippe de Chauveron steigert sich in einer Mixtur aus Wortwitz und Zynismus in einen komödiantischen Muntermacher, dem zuweilen das rechte Maß an Zurückhaltung fehlt. Aber „Monsieur Claude und seine Töchter“ spiegelt in all seinem banalen Umgang mit Klischees auch wider, was an den (französischen) Wahlergebnissen der letzten Europawahl abzulesen war: Die Hinwendung zum politisch Extremen ist lange schon kein Tabu mehr. 
Matthias Greuling
MONSIEUR CLAUDE UND SEINE TÖCHTER – ab 25.7. im Kino
F 2014. Regie: Philippe de Chauveron. Mit Christian Clavier, Chantal Lauby, Elodie Fontan
Dieser Beitrag ist auch in der Wiener Zeitung erschienen.

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