Armin Mueller-Stahl: Der Brad Pitt der DDR / Locarno 2014

Armin Mueller-Stahl ist ein wenig müde. Schließlich ist er, gemeinsam mit seiner Frau, gerade erst 1.200 Kilometer mit dem Auto gefahren. Von Berlin nach Locarno, um sich hier seinen goldenen Ehrenleoparden abzuholen, für sein Lebenswerk. Doch hinter dem müden Antlitz stechen seine blitzblauen Augen hervor. „Ich fahre sehr gerne mit dem Auto“, sagt der 83-jährige Schauspieler. „Erst kürzlich bin ich mit meiner Frau in Amerika von Key West bis Los Angeles gefahren. Die Schnelllebigkeit unserer Zeit lehne ich ab: Rein in die Maschine, abheben, landen. Das ist sehr langweilig“.
Armin Mueller-Stahl beim Gespräch, gesehen von Katharina Sartena.
Armin Mueller-Stahl braucht diese Selbstbestimmung, dieses Freiheitsgefühl. Schließlich hat der 1930 in Tilsit geborene Schauspieler bis 1980 in der DDR gelebt und Karriere gemacht, ehe seine Ausreise nach Westdeutschland genehmigt wurde. „Wenn Sie wissen, Sie werden überwacht, dann hören Sie irgendwann auf, darüber nachzudenken“, sagt er. Freiheit, das ist für Mueller-Stahl das Entdecken der Welt, ohne Grenzen, ohne Limits. „Und ich genieße es, dass meine Frau mit dabei ist, denn dann muss ich ihr nicht erklären, was ich alles gesehen habe“.
Dass Armin Mueller-Stahl bereits 2006 mit der Schauspielerei aufgehört und sich seither verstärkt der Malerei zugewandt hat, hindert die Organisatoren beim Filmfestival in Locarno allerdings nicht daran, ihn für sein Lebenswerk auszuzeichnen. „Dass ich hier einen Preis fürs Lebenswerk bekomme, nun ja. So einen Preis bekomme ich schon zum fünften Mal!“, lacht Mueller-Stahl. „Das macht mich ein bisschen nachdenklich, denn ich bin ja noch immer unterwegs. Sorry! Aber man kriegt so einen Preis und weiß, dass man etwas im Leben gemacht hat, das nicht ganz verkehrt war.“

Armin Mueller-Stahl beim Gespräch, gesehen von Katharina Sartena.
Immerhin war Mueller-Stahl schon in seinen DDR-Zeiten ein gefeierter Star. „Ich war fünf Mal beliebtester Schauspieler der DDR? Das mag sein, ich habe es nicht gezählt. Aber da war ich noch ein hübscher Junge. Das ist lange her, damals war ich sozusagen der Brad Pitt der DDR“, lacht er. Überhaupt ist Mueller-Stahl von seiner Erscheinung her ein fröhlicher Mensch. Beim Interview in einem Luxus-Hotel in Ascona gibt es keine Spur von Alterspessimismus. Sondern nur die Gewissheit, auf ein reiches Leben zurück zu blicken. „Ich spüre keine Angst in Bezug auf das Altern. Ich weiß: Die Zukunft ist nicht mehr unendlich. Und ich weiß auch, wie mein eigenes Ende aussehen wird. Es wird so aussehen wie Ihres. Das ist die einzige wirkliche Gerechtigkeit auf diesem Planeten“, meint Armin Mueller-Stahl. „Angst spüre ich hingegen bei Vorgängen, die in die Nähe von Krieg führen. Die merkwürdigen Unsicherheiten, die es derzeit auf der Welt gibt. Die Technik und die Computer, das sind die Geister, die wir riefen, die wir aber nicht in den Griff kriegen. Der Irak, Syrien, die Ukraine. Es ist in der Welt scheußlich wie schon lange nicht“.
Trotzdem hat Armin Mueller-Stahl für sich eine Methode gefunden, mit der Welt ins Reine zu kommen. Er nennt das Glück, und es ist ein flüchtiges Gefühl. „Glück ist kein Dauerzustand, sondern besteht nur aus Momenten. Ein Glücksmoment ist zum Beispiel, jetzt hier zu sitzen, auf diesen tollen grünen Garten zu schauen und von dieser hübschen Fotografin fotografiert zu werden“, lacht er.

Armin Mueller-Stahl beim Gespräch, gesehen von Katharina Sartena.
Armin Mueller-Stahl blickt gern zurück auf seine lange Karriere; er lobt Fassbinder, weil der den stärksten Einfluss auf ihn gehabt hat: „Wir beide waren nicht wie Brüder, sondern eher wie Vater und Sohn, und ich war der Vater“. Auch an seine Zeit in Amerika denkt er gern: „Ich habe mit knapp 60 dort meine dritte Karriere begonnen, ohne ein Wort Englisch zu beherrschen. Ich spreche heute noch miserabel Englisch. Das hat damit zu tun, dass ich in Amerika immer nur Ausländer gespielt habe, die gebrochenes Englisch sprachen, entweder jiddisch gefärbt oder russisch“. Er imitiert einige seiner Filmdialoge, sichtlich mit Freude.
Dennoch hat er mit dem Film abgeschlossen: „Das Filmedrehen ist in meinem Fall ein Auslaufmodell. Das habe ich übermäßig lange getan, es hat mein Leben dominiert. Ich drehe nicht mehr, obwohl gerade ein Angebot auf meinem Tisch liegt, eine Auschwitz-Geschichte. Aber ich habe abgesagt. Die amerikanischen Produzenten versuchten mich zu locken und verdoppelten meine Gage. Geld interessiert mich schon, aber nicht so, dass ich plötzlich meine Contenance verliere.“ Sind Schauspieler überbezahlt? „100-prozentig, wenn Sie die Stars ansehen. Zehn oder 20 Millionen für einen Film zu bekommen, das ist doch idiotisch“.
Armin Mueller-Stahl widmet sich nun lieber seinen anderen Talenten, die bisher „immer außen vor blieben: Bei der Malerei bin ich endlich die Fesseln des Films los. Beim Film ist man abhängig, vom Drehbuch, vom Partner, vom Wetter, vom Regisseur, vom Kameramann. Die Malerei ist der einzige Moment, wo ich wirklich fliege. Ich bin frei. Gelingt es mir nicht, übermale ich es. Das genieße ich.“ Mueller-Stahl sagt auch noch, die Malerei fiele ihm leicht. „Ich dachte immer, was mir leicht fällt, ist nichts wert, eine These, die natürlich verkehrt ist. Das Zeichnen fällt mir wirklich sehr leicht. Schauspielerei ist viel komplizierter“.

Hat Armin Mueller-Stahl im Alter also doch seine wahre Berufung gefunden? „Ja, das hoffe ich sehr“, sagt er ruhig. „Es wurde ja auch Zeit“.

Matthias Greuling, Locarno

Dieser Beitrag erschien auch in der Wiener Zeitung

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