Ulrich Seidl IM KELLER beim Filmfestival Venedig: Hodenstrecker und Warzensauen

Wenn Herr Ochs einen Anruf am Handy kriegt, dann ertönt als Klingelton die Kennmelodie aus der „Deutschen Wochenschau“ des Dritten Reiches. Sein Keller beherbergt einen Führer-Schrein mit allerlei feinsäuberlich drapierten einschlägigen Devotionalien. „In diesem Raum“, sagt Ochs, „treffen wir uns eigentlich immer, der ist am gemütlichsten.“ Sein Führer-Porträt staubt er mit einem Wedel in Schwarz-Rot-Gold ab.
„Im Keller“ von Ulrich Seidl (Foto: Stadtkino)
Es gibt noch mehr dieser feinsäuberlich versperrten Keller in Ulrich Seidls neuem Film: Der verkappte Opernsänger („Ich hätte große Partien singen können, habe es aber nie probiert“) entpuppt sich als Waffennarr, der am Schießstand unter Tage vom Ende der Burka träumt. Der Jäger, der stolz seine Trophäen – vom Bock bis zum Affen – zeigt und erzählt, wie er einem Freund ein „Wiener Schnitzel aus einer Warzensau“ gemacht hat.
Die Caritas-Mitarbeiterin, die dominiert werden möchte und sich darob regelmäßig auspeitschen lässt – bevorzugt mit einem Beachball-Schläger. Der ist besonders schmerzhaft, „ein Kinderspielzeug vom Toys’r’us“. Und den Nachtwächter des Burgtheaters, der als Sklave in einer Beziehung lebt, wo das Sauberlecken der Duschwand mit der Zunge noch zu den angenehmsten Tätigkeiten zählt. Er muss sonst nämlich noch die Genitalien seiner Herrin nach dem Urinieren säubern oder sich drei Kilogramm schwere Gewichte an den Hodensack montieren lassen. „Und jetzt mach den Abwasch“, sagt seine Herrin.
Selbst nach Filmen wie „Tierische Liebe“, „Hundstage“ oder der „Paradies“-Trilogie gelingen Ulrich Seidl noch immer Bilder der Provokation, wie die Reaktionen beim Filmfestival Venedig zeigten. Jedoch ist sein Kino der scheinbaren Skurrilitäten an einem Punkt angekommen, an dem die schaurigsten Momente nicht mehr die sexuellen Praktiken oder die Verherrlichung von Gedankengut sind, sondern die, in denen dunkle Obsessionen gelebt werden: Eine Frau, die lebensechte Puppen im Keller hortet und liebkost, kann – auch, wenn sie erfunden ist – einem viel mehr Schrecken einjagen als der am Seil gespannte Penis eines SM-Sklaven. Der Horror ist dort, wo man ihn nicht sieht: im Kopf.

Ulrich Seidl im Interview. (Foto: Matthias Greuling)

Ich traf Ulrich Seidl in Venedig zum Interview:

Matthias Greuling: Herr Seidl, wieso finden die Freiheiten vieler Menschen scheinbar vorwiegend unter Tage statt?

Ulrich Seidl: Weil man im Keller intim sein kann, weil man dort so sein kann, wie man sein möchte. Der Keller ist uneinsehbar. Der Keller bietet die Möglichkeit, sich vor der Öffentlichkeit zu verstecken. Offensichtlich sind viele Menschen so angelegt, dass sie ihren Leidenschaften gerne im Keller frönen, um ungestört zu sein.
Woher stammt denn die Idee zu diesem Film?
Die Idee kam mir bei der Arbeit an meinem Film „Hundstage“. Das geht schon sehr lange zurück. Ich habe damals im Zuge der Recherchen entdeckt, dass bei vielen Einfamilienhäusern der Österreicher die Kellerräumlichkeiten sehr großzügig angelegt waren, oft großzügiger als die Wohnräumlichkeiten. Das hat mich selbst erstaunt. Der Keller hat in unserem Bewusstsein und auch im Unterbewusstsein ganz bestimmte Bedeutungen, für jeden von uns.
Zum Beispiel?
Der Keller ist einerseits der Ort der Dunkelheit, der Ort der Angst. Wer geht schon gerne in den Keller, wo alles schwarz ist? Real war der Keller immer auch ein Ort des Missbrauchs, des Verbrechens, des Versteckens. Das Interesse für den Keller steckt tief in uns drinnen, auch und gerade, weil er unter der Erde liegt. Ich würde nicht sagen, dass das typisch österreichisch ist, denn wir wissen ja nicht, was es sonst noch in den Kellern dieser Welt gibt. Diese Fälle sind halt in Österreich ans Tageslicht gekommen, aber es ist durchaus denkbar, dass es in anderen Ländern ähnliche Verbrechen gibt.
Sie zeigen verschiedene Keller-Obsessionen, reißen einige aber nur an. Der Hobbyeisenbahner hat Sie nicht so sehr interessiert wie der Sado-Maso-Sklave.
Die Eisenbahnen im Keller werden weniger, sie sterben aus, weil Kinder sich heutzutage nicht mehr mit Eisenbahnen beschäftigen. Ich habe bewusst nach Abgründen gesucht und nicht nach Harmlosigkeiten. Sich mit einer Eisenbahn zu beschäftigen, gehört nicht zu den Abgründen.
Dann sprechen wir über den Prototypen vom „Kellernazi“, den Sie auch zeigen. Wie bekamen Sie diesen Mann dazu, so offen von seiner Verehrung für Hitler zu sprechen?
Dieser Mann geht in seiner Ortschaft öffentlich damit um. Alle im Ort kennen ihn und wissen von diesem Keller. Der Film zeigt auch, dass die Mitglieder seiner Musikkapelle häufig in seinem Keller musizieren und auch gesellig beisammen sitzen. Er steht dazu, was er tut und denkt.
Müssen solche Protagonisten, etwa auch der SM-Sklave, der als Nachtwächter im Burgtheater arbeitet, nach diesem Film nicht um ihren Job bangen?
Ich kann das nicht sagen. Er muss sich dessen bewusst sein, dass seine Mitwirkung möglicherweise Probleme ergibt. In der SM-Szene habe ich besonders lange und gründlich recherchiert und viele Leute kennengelernt. Ich wollte aber Leute für den Film gewinnen, die ganz normalen Tätigkeiten nachgehen, und nicht jene, die die SM-Szene trendig finden und sich deshalb mit ihr befassen.
Der Mann aus dem Burgtheater hatte schließlich das größte Vertrauen in Sie?
Letztlich hat das seine Herrin entschieden. Sie hat gesagt: Das machen wir. Er hat da gar nicht so viel zu sagen, denke ich. Ich glaube, dieses Paar wollte die Gelegenheit nützen, das zu zeigen, was es lebt und wovon es überzeugt ist.
Eine der grusligsten Protagonistinnen des Films ist jene Frau, die im Keller in Schachteln ihre lebensechten Puppen lagert und sie täglich zum Streicheln besuchen geht.
Ja, das ist gruselig. Aber diese Episode ist eine Mischung aus Wahrheit und Fiktion. Es gibt diese Puppen, diese „Reborn Babies“, die in Handarbeit hergestellt werden und mit denen unter dem Motto gehandelt wird: Wer hat die authentischsten Puppen? Dass die Frau diese Puppen in Schachteln verbirgt, ist eine fiktionale Geschichte. Da kann man vieles hineininterpretieren: Entweder geht es um gewünschte oder verlorene Kinder. Aber Babys im Keller lösen bei uns schon etwas aus. Man erinnere sich nur an den Fund von Embryonen in der Tiefkühltruhe.
Was haben Sie uns bei diesem Film vorenthalten? Gibt es Material, das Sie nicht zeigen wollten?
Die Schwierigkeit bei diesem Film war, Menschen zu finden, die bereit sind, ihre Abgründe zu zeigen. Wir suchten Leute, die einen besonderen Keller hatten. Wir hatten einen ziemlich großen Fundus. Ich habe mir dann die Keller angeschaut, die mich interessiert haben. Und ich kann heute sagen: Die Wirklichkeit ist viel ärger, als der Film sie zeigt. Ich habe Dinge gesehen, die ich niemals hätte filmen können.
Was ist eigentlich in Ihrem Keller?
In meinem Keller ist Wein.

Interview: Matthias Greuling

Dieser Beitrag ist auch in der „Wiener Zeitung“ erschienen.

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