Halbzeit beim Filmfestival Venedig: Fest der Spekulanten

“Was taugt der Wettbewerb bisher?”, fragt Benoît Jacquot zu Beginn des Interviews mit der “Wiener Zeitung”. Der französische Regisseur ist in Venedig mit seinem Liebesthriller “3 Coeurs” im Wettbewerb um den Goldenen Löwen vertreten. “Ich will Ihre Meinung hören, denn wenn der Wettbewerb insgesamt schwach ist, dann hat mein Film größere Chancen auf einen Preis”, schmunzelt Jacquot.
Ein Filmfestival ist immer auch ein Wettlauf um die goldenen Statuetten, um die Medienaufmerksamkeit und um die Präsenz, die Filme innerhalb des Festivals durch ihre Programmierung erhalten. Da können die idealistischen Gedanken vieler Filmemacher (“Filme sollten untereinander nicht konkurrieren”) getrost außen vor bleiben: Selbst im Arthaus- und Kunstfilm existiert ein Wettstreit darüber, wer den “besten” Film macht. Filme werden in den Kontext einer “Competition” gebracht, und verlieren damit den eigentlichen Sinn ihrer Entstehung: Um Geschichten zu erzählen, braucht es nämlich keine Awards, sondern Ideen.
Doch der Wettbewerbsgedanke ist so manchem Film in Venedig förmlich anzusehen: “Birdman”, mit dem hier eröffnet wurde, hat sich zur Aufgabe gemacht, die gestörte Schauspielerseele in fiebrigen, schwebenden Bildern einzufangen, und bietet am Ende doch nur eine gut konstruierte Startrampe ins Oscar-Rennen 2014 – vor allem für Michael Keaton und Edward Norton. Nicht viel anders ist das in Peter Bogdanovichs (erfrischender) Komödie “She’s Funny That Way” (außer Konkurrenz) mit Owen Wilson und Imogen Poots, die hier ungeniert, aber gelungen im cineastischen Fundus von Woody Allen wildert. Auch die beiden Filme mit Al Pacino, “The Humbling” von Barry Levinson und der Wettbewerbsbeitrag “Manglehorn” von David Gordon Green zielen letztlich auf die Oscars: Sie zeigen zwei solide Auftritte des Alt-Stars Pacino, auch, wenn die Filme drumherum überaus bemüht wirken.
Al Pacino, fotografiert von Katharina Sartena
Auch Fatih Akins neues Werk “The Cut” gehört in die Kategorie “bemüht”: Sein episch breit angelegtes Aufrollen des Völkermordes an den Armeniern im Jahr 1915 durch das Osmanische Reich (in der Türkei spricht man bis heute nicht von Völkermord) erschöpft sich in langen Wüsten-Überlebenskämpfen von vom Schicksal versprengten Existenzen, die trotz oder gerade wegen ihrer western-haften Machart am Thema vorbeischießen: Man spürt in jeder Einstellung die Last des gewichtigen Themas, die hier auf Akins Schultern gelegen haben muss.
“The Look of Silence” geht da ganz anders an ein ähnliches Thema heran. Der Film ist kompromissloses Forschungskino an der menschlichen Psyche: Joshua Oppenheimer hat ein “Sequel” zu “The Act of Killing” gedreht. Diesmal konfrontiert er eine Opferfamilie mit den Protagonisten des Genozids in Indonesien in den Jahren 1965/66. Die einstigen Massentötungen an “Kommunisten” sind auch nach 50 Jahren nicht aufgearbeitet, und die Täter können bis heute ihre Taten rechtfertigen – oder sie schweigen. Dieses Schweigen im Angesicht eines Verbrechens sorgte bislang für die stärksten Bilder dieses Festivals. 
Mit starken Bildern arbeitet auch Ramin Bahranis “99 Homes”. Spiderman-Darsteller Andrew Garfield spielt darin einen Mann, der aus seinem Haus delogiert wird; Bahrani bricht die Immobilienkrise von 2008 auf ein Einzelschicksal herunter, die Abwärtsspirale im Leben des Protagonisten lässt sich nicht mehr stoppen. Es ist ein entrischer Film. 

Catherine Deneuve, fotografiert von Katharina Sartena
Im Verbund dieser bisherigen Arbeiten könnte Benoît Jacquot mit “3 Coeurs” tatsächlich gute Chancen haben: Jacquot erzählt die Geschichte zweier bourgeoiser Schwestern aus der Provinz, die sich in den selben Pariser Finanzbeamten verlieben. Jacquots Melodram ist ebenso ein cleveres Konstrukt: Charlotte Gainsbourg und Chiara Mastroianni sind die Schwestern, Catherine Deneuve spielt die Mutter der beiden (und ist die Mutter von Mastroianni), Benoît Poelvoorde den begehrten Mann. Schon zu Beginn wummert ein bedrohliches Streicher-Ensemble aus dem Off, was die Stimmung des Films vorgibt. Jacquot hat einen Liebes-Krimi erzählt, in dem man sich niemals wohlfühlt, dem man sich dank der Promi-Besetzung aber auch nur schwer entziehen kann. “3 Coeurs” als spekulativ besetzte Stilübung? Warum denn nicht? Machen ja alle so.
Matthias Greuling, Venedig

Dieser Text ist auch in der Wiener Zeitung erschienen.
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