Pasolini: Abel Ferraras spätes Meisterstück

Das letzte Interview seines Lebens gab er am Tage seines Todes. Pier Paolo Pasolini, italienischer Dichter, Filmemacher, Denker und ja, in seinen Schriften auch: (politischer) Aktivist. In der Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen des Jahres 1975 wurde Pasolini brutal ermordet; seine Leiche fand man am Strand von Ostia, vor den Toren Roms. Viele Mythen ranken sich um sein Ableben, und doch: Die unbewiesenen Verschwörungstheorien, die hinter seinem Tod einen Auftragsmord vermuteten, sind berechtigt, weil Pasolini kurz zuvor noch über eine Verstrickung des italienischen Staates in Terroranschläge recherchierte und dazu auch öffentlich den Mund aufmachte.

Willem Dafoe mit Abel Ferrara (Foto: Katharina Sartena)
Bei Regisseur Abel Ferrara ist alles banaler: Da fuhr Pasolini mit einem jungen Stricher in seinem Alfa 2000 GT an den Strand. Dort wollte er Sex mit ihm haben, aber eine zufällig vorbeikommende Gang beschloss, auf die „dreckige Schwuchtel“ einzudreschen und sie anschließend mit ihrem Alfa zu überrollen.

„Wir sind alle in Gefahr“

Doch gar so banal ist dieser Film nicht: Vieles, was Abel Ferrara in „Pasolini“ zwischen den Zeilen versteckt, muss erst gefunden werden. Kaum ein Film schied am Lido so sehr die Geister wie dieser: Von oberflächlicher Inhaltslosigkeit sprachen die einen, von einem Meisterwerk der Poesie die anderen. Wir gehören eher zu den Letzteren: „Pasolini“ ist nicht nur eine Chronologie des letzten Tages im Leben seines titelgebenden Protagonisten (apathisch, nachdenklich und kämpferisch dargestellt von Willem Dafoe), sondern auch der metaphernschwangere Versuch, sich diesem Künstler anzunähern, seine Welt(bilder) zu verstehen, die (nicht nur) im Italien der 70er Jahre angeeckt haben mussten. Ein scheinbar furchtloser Intellektueller, der sich bei den einfachen Menschen auf der Straße wohler fühlte als in den Kreisen der von ihm verhassten Bourgeoisie. Pasolini, der Aufgeklärte, der Journalisten mit einer gewissen Schulmeisterlichkeit gerne seine Ideen vom gesellschaftlichen Zusammenleben diktierte, zugleich auch vor dem drohenden Untergang warnte. Dem Journalisten seines letzten Interviews verordnete er die Artikel-Überschrift: „Schreiben Sie, ‚Wir sind alle in Gefahr‘.“
„Pasolini“ ist auch deshalb ein Meisterwerk, weil Ferrara ganz assoziativ mit seinem Protagonisten umgeht: Da wird das tägliche Wecken durch Pasolinis Mutter mit seinen intellektuellen Ideen von einer idealen Gesellschaft konterkariert, da folgt einer Diskussion über die Pläne für seinen nächsten, ungedrehten Film (den Ferrara dann als Film im Film mit Pasolinis zeitweiligem Lebenspartner Ninetto Davoli inszeniert) ganz selbstverständlich eine Szene in einer Schwulenbar.
Wenn „Pasolini“ in Venedig am Samstagabend leer ausgeht, muss an der Dramaturgie solcher kultureller Großevents zu zweifeln begonnen werden: Natürlich eignet sich kein Platz der Welt besser für ein „Pasolini“-Biopic, das die letzten Stunden seines Lebens nachzeichnet, und darin aber doch sein ganzes Leben subsumiert. Welch Bildnis gäbe das: Der schwule Linke Pasolini, ermordet von rechten Homophoben, ausgezeichnet an einem Festival, das die Faschisten erfanden?

Russischer Alltag

Doch auch sonst zeigte sich der Wettbewerb überraschend stark: Alberto Barbera hat, allen Unkenrufen zum Trotz, ein stimmiges Programm aufgestellt, in dem es wenige echte Tiefpunkte gab. Erst spät in diesem Wettbewerb war die brillante Tragikomödie „A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence“ zu sehen, der Schwede Roy Andersson hätte sich dafür mindestens den Regiepreis verdient, so verschroben lakonisch und sympathisch zeigt sich seine filmische Lebenssinnsuche. Auch der Russe Andrej Koncaloskij zeichnet einen Lebensalltag in Nordrussland in „The Postman’s White Nights“ als Quasi-Komödie der Einsamkeit: Ein Postler liefert mit seinem Schnellboot die wenigen Poststücke und Zeitungen aus, die in dieser Einöde auf ihre Empfänger warten. Koncaloskij zeigt dabei in grandiosen Bildern ein Russland örtlicher, aber auch mentaler Distanzen. Der Chinese Wang Xiaoshuai wiederum erzählt in „Red Amnesia“ im Stil eines Thrillers, wie eine ältere Dame in Peking zunächst scheinbares Opfer seltsamer Attacken wird, ehe man herausfindet, dass alles Lüge ist. Andrew Niccol zeigt in „Good Kill“ Ethan Hawke als desillusionierten Ex-Armee-Flieger, der von einem Container in Nevada aus Drohnen steuert und in Afghanistan potenzielle Terroristen abschießt. Niccol erzählt mit den allzu glatten Mitteln des Blockbusterkinos, doch gerade dadurch wird dieser Film zu einer zugänglichen Anklageschrift gegen eine Nation, die den Kampf gegen den Terror längst selbst mit Terror führt.

Und dann war da noch Joshua Oppenheimers herausragende Doku „The Look of Silence“ über die Täter des Genozids in Indonesien. Relevanter kann dokumentarisches Kino kaum sein. Es hätte wohl auch Pasolini gefallen.
Matthias Greuling, Venedig
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