Cronenberg und der Blick in die Hölle / MAPS TO THE STARS

Die Schauspielerin Havana (Julianne Moore) ist in einem Alter, für das Hollywood gewöhnlich bloß grauenhafte Verachtung übrig hat. Schon ihre Mutter war ein großer Star, und als deren Leben verfilmt werden soll, hofft Havanna auf die Hauptrolle. Doch die Produzenten entscheiden anders – eine Jüngere bekommt den Part, und Havana geht an dieser Schmach beinahe zugrunde. Sie ist eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs.
Mia Wasikowska in „Maps to the Stars“ (Foto: Filmladen)
Viele der Geschichten, die David Cronenberg in seinem neuen Film „Maps to the Stars“ zusammenträgt, haben traumatische Ausmaße. Zwar verspricht Cronenberg eine lupenreine Satire über Tinseltown, zugleich aber ist der Film auch ein Psychodrama über eine Industrie, die ihre Protagonisten mit schöner Regelmäßigkeit ganz leidenschaftslos der Vernichtung zuführt.
Der Film beginnt mit einem Blick auf den Sternenhimmel, aber um diese Stars geht es hier nicht. Sein Titel ist eine Anspielung auf die Touristen, die im Sightseeing-Bus an den Villen der Stars vorbeigekarrt werden. Dass sie dabei nicht in deren Wohnzimmer blicken können, ist auch besser so; es erhält die Mär von der Traumfabrik. Was sich nämlich hinter den Fassaden abspielt, könnte abstoßender nicht sein, berichtet Cronenberg.

Exzentrische Charaktere

Der kanadische Regisseur, selbst bekennender Verweigerer der Hollywood-(Un-)Kultur, lässt in der Verfilmung des Romans von Bruce Wagner tief blicken: Rund um die Schauspielerin Havana, grandios verkörpert von Julianne Moore, drapiert Cronenberg jede Menge exzentrische Charaktere: Mia Wasikowska kommt als geheimnisvolle junge Frau nach Los Angeles und heuert bei Havana als persönliche Assistentin an. Im Verlauf des Films wird diese Beziehung unter Zuhilfenahme einer schweren Filmpreis-Statue noch eskalieren. Robert Pattinson darf wie schon in Cronenbergs philosophischem Filmgelaber „Cosmopolis“ in einer Limousine fahren, diesmal allerdings als Chauffeur, der auch Liebesdienste durchführt. Ein 13-jähriger Kinderstar komplettiert das skurrile Figuren-Kabinett: Seine Eltern (John Cusack, Olivia Williams) verdienen ihr Geld mit der psychischen Beratung labiler Hollywoodstars, sind in Wahrheit Bruder und Schwester und haben mit ihrem Sprössling als Großverdiener scheinbar ausgesorgt: Doch der zutiefst unsympathische Jungstar hat schon den ersten Drogenentzug hinter sich und neigt zu radikaler Gewalttätigkeit.
So weit, so abgründig. Cronenberg belässt seine Figuren in einem Zustand permanenten Unwohlseins, der sich auch auf die Zuschauer überträgt. Er spielt die Klischees von der Traumfabrik gekonnt gegeneinander aus, kombiniert sie mit einer Inzest-Geschichte und führt das System Hollywood als Geisteshaltung vor, bei der es vor allem um die Effizienz von Ausbeutung geht. All das hat man in anderen Satiren auch schon gesehen, aber kaum je schwärzer und boshafter als hier. Wer am Walk of Fame die berühmten, in den Boden eingelassenen Sterne betrachtet, der schaut eigentlich geradewegs in die Hölle.

Matthias Greuling

MAPS TO THE STARS, USA 2014
Regie: David Cronenberg. Mit Julianne Moore, Mia Wasikowska, Robert Pattinson, John Cusack

Dieser Beitrag ist auch in der Wiener Zeitung erschienen.
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