Immer am Limit: Attention – A Life in Extremes

„Attention – A Life in Extremes“ (Foto: Adrialpemedia)
Wenn der Bad Ischler Gerhard Gulewicz auf sein Fahrrad steigt, dann weiß er: Für die nächsten 10 bis 15 Stunden hängt er fest im Sattel. Muss er auch, wenn er die unglaubliche Distanz von 4800 Kilometer beim „Race Across America“ in weniger als zwölf Tagen bewältigen will. Dazu hat er einen ganz eigenen Rhythmus entwickelt. Und der geht so: Zunächst einmal radelt er 15 Stunden durch, dann macht er eine Pause von 15 (!) Minuten. In der wird geschlafen (!), gegessen, massiert. Dann geht’s weiter, und der Zyklus fängt von neuem an.
Nicht minder waghalsig ist der Extremsportler Halvor Angvik. Der nennt sich „Wingsuit Flyer“ und wirft sich in einem schlabbernden Sack gekleidet von Bergen und Häusern – Hauptsache hoch. Über 1000 Skydives und 500 Basejumps hat er bereits hinter sich und verwirklicht so seinen Traum vom freien Fall.
Ebenfalls tief runter will Guillaume Néry. Der Apnoe-Taucher hat mehrere Weltrekorde aufgestellt. Er schafft es, ohne Sauerstoffflasche bis zu 125 Meter tief zu tauchen und hält es 7,42 Minuten unter Wasser aus. Mit einer Lungenfüllung an Luft. Sein Video „Free Fall“, realisiert von seiner Frau Julie Gautier, zeigt ihn, wie er in die Tiefe sticht – und wurde mit 19. Millionen Aufrufen zum Youtube-Hit.
Es sind drei Menschen, die die Extreme suchen. Der oberösterreichische Regisseur Sascha Köllnreiter hat sie für seinen Dokumentarfilm „Attention – A Life in Extremes“ begleitet, und dabei spektakuläre Bilder gedreht. Den Eindruck zu filmen, wenn jemand von schroffen Felsklippen springt, das ist dank neuartiger Action-Cams kein Problem mehr für einen Filmemacher. Und auch die Unterwasser-Welt, in die Guillaume Néry hinabtaucht, schillert schön still auf der Leinwand. Kombiniert hat Köllnreiter seine Bilder mit dem neuen Dolby Atmos-Soundsystem, das in geeigneten Kinos eine völlig neue Raumton-Wahrnehmung ermöglicht.
Köllnreiter beobachtet seine drei Protagonisten aber nicht nur bei ihrer „Arbeit“, sondern hinterfragt auch deren Motive und Zielsetzungen, die sie mit ihrem Extremsport verfolgen. Und diese sind, gelinde gesagt, für Normalsterbliche kaum nachvollziehbar. Köllnreiter arbeitet sich daher auch mit etlichen Expertenmeinungen am Thema ab. Extremsport, der für viele auch eine Art Angst-Therapie ist, wird immer beliebter. Das Spiel mit dem Tod, mit den menschlichen Grenzen wird so aber auch zum gefährlichen Glücksspiel, dessen Risken man nicht restlos beseitigen kann. Oder, wie es der Neurologe Manfred Spitzer im Film einmal sagt: „Man hofft auf das Glück, über das Pech denkt man gar nicht nach“.

„Attention – A Life in Extremes“ ist unter diesem Aspekt ein Grenzgang ins Unmögliche; die Konventionalität seiner Dramaturgie lässt dabei die volle Konzentration auf die Protagonisten zu. Und ganz nebenbei sind nirgends störende Red Bull-Logos zu sehen: Köllnreiter hat darauf verzichtet, mit dem Getränkehersteller zusammen zu arbeiten. Ein Extremsport-Film ohne Red Bull, das hat Seltenheitswert. Die drei Sportler zeigen aber: Es geht auch ohne die verliehenen Flügel.

Matthias Greuling

Ab 26.9. im Kino

Dieser Beitrag ist auch in der Furche erschienen.
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