AMOUR FOU: Jessica Hausner über die Trugschlüsse der Liebe

Jessica Hausner hat einen Film über die Liebe gedreht, aber es ist keine naive Schwärmerei über romantische Gedanken oder gar eine von Lust und Leidenschaft getragene „Amour Fou“, wie der gleichlautende Filmtitel suggerieren könnte. Vielmehr befasst sich Hausner in „Amour Fou“ mit dem eigentlichen Wortsinn dieses Ausdrucks: „Es geht darum, dass die Liebe verrückt ist. Dass man selbst von sich überrascht wird, wenn man in den unterschiedlichen Phasen seines Lebens an die wahre, ewige Liebe glaubt, die sich dann am Ende als Trugschluss herausstellt“, sagt Hausner.

„Amoour Fou“ (Foto: Stadtkino)

Hausner erzählt von den letzten Wochen im Leben des Dichters Heinrich von Kleist, der 1811 im Alter von 34 Jahren  einen Doppelselbstmord beging, indem er die vermeintlich todkranke Henriette Vogel erschoss und anschließend sich selbst. Kleist, der in seinen adeligen Kreisen stets als Außenseiter galt, weil er weder mit einer politischen, noch einer militärischen Laufbahn Erfolg hatte, sondern sich als Dichter versuchte, begibt sich auf die Suche nach einer Frau, die bereit wäre, in bedingungsloser Liebe zu ihm mit ihm gemeinsam zu sterben; eine absurd klingende Versuchsanordnung, die sich Kleist hier unterzieht, zumal die von ihm gefragten Damen allesamt an der psychischen Normalität ihres Gegenübers zu zweifeln beginnen. Erst als bei Henriette Vogel ein todbringendes Geschwür festgestellt wird, entschließt sie sich, Kleists Ruf zum Selbstmord zu folgen – was wiederum diesem nicht recht scheint, weil die Motivation zum Sterben doch eher aus der unbedingten Liebe zu ihm komme müsse, nicht aus einer Krankheit.
„Ich hatte schon vor zehn Jahren die Idee zu einem Film, in dem ein Paar aus Liebe Doppelselbstmord beging. Doch erst als ich auf Kleists Geschichte stieß, schien mir die Idee schlüssig“, sagt Hausner. „Ich fand es sehr grotesk, dass Kleist einfach mehrere Frauen gefagt hatte, ob sie sich mit ihm umbringen wollen. Das war seine romantische, völlig übertriebene Idee, die letztlich banal und auch lächerlich erscheint“.
Hausner hat für „Amour Fou“, der dieses Jahr in Cannes in der Reihe „Un certain regard“ seine Weltpremiere feierte, ein sehr streng durchkomponiertes filmisches Konzept entwickelt, innerhalb dessen sich die Handlung durchwegs in eine komische Richtung entwickeln kann. Nicht umsonst nennt Hausner den Film eine „romantische Komödie“. Mit der präzisen Kamera von Martin Gschlacht legt Hausner nicht nur die Sitten und Umgangsformen der damaligen Zeit offen, sondern transportiert in dieser Strenge auch die Beziehungsgeflechte der Personen zueinander: Niemand hier wird zu emotional, außer in seinem sprachlichen Ausdruck. Die Poesie findet nicht in Taten statt, sondern bloß in Worten. Aber selbst da wirken die Versprechungen der Liebe wie die hohlen Phrasen einer Gesellschaft, in der sich die Emotion als solche stets der Etikette zu beugen hatte. Der Wunsch nach Gefühl aber ist geblieben, so sehr er auch unterdrückt wurde. Wunderbar feinsinnig spürt Hausner dem Bedürfnis nach Liebe nach, das sich zu keiner Zeit gewandelt hat; nur die Ausdrucksform dieses Bedürfnisses ist mit der Zeit gegangen.
Zugleich ist „Amour Fou“ ein detailliert recherchiertes, liebevoll ausgestattetes Bildnis einer Bevölkerungsschicht, die ihr Selbstverständnis daraus bezog, die „herrschende Klasse“ zu sein: Die Aufweichung dieses Anspruchs durch neue Steuern, die erstmals auch den Adel treffen sollten, verbreitet Unruhe unter den Protagonisten. Sie sehen sich in ihrem Status gefährdet und ahnen schon, dass ihre gesellschaftliche Besserstellung bald neuen Verhältnissen wird weichen müssen. Diese Aspekte bilden den gesellschaftspolitischen Hintergrund des Films.
Die große Ruhe, mit der Hausner ihren Film inszeniert, findet nicht nur Ausdruck in den zahllosen elegant geführten Konversationen, sondern auch in den allgegenwärtigen Lieder- und Musikabenden, die zu den beliebtesten Unterhaltungen der damaligen Zeit gehörten. Die optische Strenge des Films korrespondiert hier perfekt mit dem Gefühl der Protagonisten, in ihrer biedermeierartigen Zurückgezogenheit gefangen zu sein.
„Amour Fou“ ist Hausners bislang klügste, durchdachteste Arbeit; ein Film über das romantische Konzept von der Liebe, und wie es scheitert.

Matthias Greuling

AMOUR FOU – ab 7.11.2014 im Kino
Regie: Jessica Hausner
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