Kinoheißhunger: Viennale 2014 eröffnet mit Jessica Hausners "Amour Fou"

Mit viel heimischer Prominenz wurde am Donnerstag Abend im Wiener Gartenbaukino die Viennale eröffnet – und kritische Worte über kleinkarierte Kulturstreitereien gab es auch.
Jessica Hausner (links) und ihre Schauspieler Christian Friedel
und Birte Schnöink stellten „Amour Fou“ bereits beim Filmfestival in Cannes vor.
Nach vielen Jahren wurde die Viennale wieder einmal mit einem
österreichischen Film eröffnet. (Foto: Katharina Sartena)

Von einer „Spar-Viennale“ war die Rede, als Hans Hurch kürzlich zugab, dass Viggo Mortensen, sein Wunsch-Gast für 2014, der Filmschau leider doch fernbleiben würde. Kein Stargast, keine Gala, so mancher Glossist verortete gar schon eine Viennale in der Krise.

Davon konnte am Donnerstag Abend im Wiener Gartenbaukino (und beim anschließenden Empfang des Bürgermeisters im Wiener Rathaus mit dem obligatorisch üppigen Buffet) allerdings keine Rede sein – so schwachbrüstig war die Gästeliste an diesem Abend nämlich nicht, auch, wenn sich vorwiegend heimische Prominenz die Ehre gab. 

Karl Markovics ist nicht nur „Viennale-Fan, sondern
mag auch Jessica Hausners Arbeiten sehr gern“. (Foto: Katharina Sartena)


Bei windig-frischen Temperaturen gab es im Foyer des Gartenbaukinos dann die bekannten Backofentemperaturen, doch der guten Laune tat das keinen Abbruch: Das Team des Eröffnungsfilms „Amour Fou“ – Regisseurin Jessica Hausner sowie ihr Kameramann Martin Gschlacht und die beiden Hauptdarsteller Christian Friedel und Birte Schnöink – ließ sich beklatschen, und auch ein gut gelaunter Oscar-Gewinner und einstiger Hausner-Lehrer Michael Haneke wollte sich mitsamt Gattin Susi die Premiere von „Amour Fou“ nicht entgehen lassen. Auch Theaterlegende Erni Mangold besuchte das Kino, ebenso wie der iranische (aber in Paris lebende) Regie-Star Abbas Kiarostami, dessen Arbeiten Hausner sehr inspiriert haben sollen.

Stolz und fröhlich auch die Hanekes: Susi und Michael kamen,
um „Amour Fou“ zu sehen. Jessica Hausner war einst Schülerin
bei Haneke an der Filmakademie. (Foto: Katharina Sartena)

Auch ganz neugierig auf den Spielfilm, der seine Weltpremiere heuer in Cannes hatte und am 7. November regulär in die Kinos kommt, waren Schauspieler und Regisseur Karl Markovics, Schauspielerin Michou Friesz, zusammen gesehen mit Enfant terrible Paulus Manker, der auch weniger grimmig dreinschaute als üblich. Irgendetwas, das steht fest, muss da die Stimmung der Viennale-Gäste gehörig angefeuert haben, bei so viel strahlenden Gesichtern trotz so miserablem Wetter.

Überraschend fröhlich zeigte sich Paulus Manker, wahrscheinlich
 hatte Schauspielerin Michou Friesz eine gute Pointe für ihn. (Foto: K. Sartena)

Vielleicht  war es einfach die Vorfreude auf die zu erwartende hohe Qualität, die für Freude sorgte: Hausners Film – obwohl ein Stück über die Todessehnsucht und den Doppel-Selbstmord von Heinrich von Kleist und seiner Partnerin – ist bis in jede Ritze von humoriger Feinsinnigkeit und hält für jene, die sich auf den Film einlassen, viele cineastische Glücksmomente bereit.

Der Run, der seit Tagen auf die Viennale-Vorverkaufsstellen stattfindet, zauberte wiederum ein Lächeln auf die Gesichter der Veranstalter und Förderer. „Die Frage, wozu die Viennale, erübrigt sich“, formulierte es Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny. „Die Antwort lautet nämlich: Weil das Publikum die Filme stürmt“. Kinoheißhunger könnte man das nennen, aber einer, der hinterher keine Übelkeit verursacht.
Angenehm, dass die kürzlich aufgeflammte Debatte um die Frage, ob Wien neben dem Filmmuseum ein zweites Kinokulturhaus (das neu renovierte Metrokino) verträgt, diesmal nur am Rande zur Sprache kam. Es sei eine „entbehrliche“ Debatte, befand Mailath-Pokorny, der allen „Grabenkämpfen“ in der Filmszene eine Absage erteilte. Für Festivalchef Hans Hurch, der in einer „Falter“-Wutrede eine Lanze für den Betreiber des Metrokinos, das Filmarchiv Austria,  brach, das seit jeher im Clinch mit dem Filmmuseum liegt, wäre eine „Diskussion über Kunst, die von Kalkül und Intrigen absieht“, wünschenswert. Es solle wieder mehr um die Sache gehen, nicht um den Kleinkrieg zwischen kulturellen Institutionen und ihren Anhängern.

Hans Hurch (links) mit Überraschungsgast Abbas Kiarostami.
Der Iraner gilt als Superstar des Kunstfilms und war für Jessica Hausner
 „die größte Inspiration“. (Foto: Katharina Sartena)

Debatten also, gut 14 Tage vollgestopft mit vielen Filmen, und viele Stars beim Auftakt. Nur ein Star ist dieses Jahr nicht gekommen: Eric Pleskow, Hollywood-Produzentenlegende und als Präsident der Viennale bislang jedes Jahr über den großen Teich in seine Geburtsstadt Wien eingeflogen. Diesmal sei er „nicht so fit, dass er persönlich kommen könnte“, erzählte Mailath-Pokorny. Der Mann ist immerhin 90, und als Dank taufte die Viennale den neuen, zweiten Saal im frisch renovierten Metrokino nach ihm. Eric Pleskow schickte einen Brief. „Die Viennale mit einem Film über einen todessehnsüchtigen Dichter zu beginnen, der dann in einem Doppelselbstmord endet, das ist irgendwie typisch Hurch“, schrieb er. Und weiter: „Es gibt mich noch. I’ll be back! Ich habe vor, noch ein paar Jährchen auf dieser Welt zu bleiben“, so Pleskow. Wenn das kein Versprechen ist. Allerdings eines mit einem gewichtigen Antrieb für Pleskow. „Schließlich“, so schloss er, „möchte ich einmal in jenem Kinosaal sitzen, der nach mir benannt wurde“. 

Matthias Greuling

Dieser Beitrag erschien auch in der Wiener Zeitung
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